Gefällt mir eigentlich Ägypten?

osnapicture 9. Dezember 2010 6

Unerwartet offen und kontaktfreudig zeigten sich die Menschen in Kairo. Fotos: Thomas Limberg

Vor zwei Jahren war ich in Ägypten. Wie mir dieses Land gefallen hat, kann ich bis heute nicht sagen. Dreck, Hitze, Chaos sowie eine beeindruckende Kultur, die kaum in Worte zu fassen ist. Menschen, die auf den ersten Blick an Bombenleger erinnern, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Wenn wir auch von Vorurteilen geprägt sind, fällt es nicht leicht, sich als Europäer in dieser Welt auf Anhieb wohlzufühlen. Spontan schießen mir aus Deutschland bekannte Integrationsdebatten in den Kopf. Nur jetzt bin ich derjenige, der sich an den Islam anpassen will. Ich versuche nicht aufzufallen. Laufe nicht mit kurzen Hosen durch die Gegend und trinke keinen Alkohol. Trotzdem fällt man als Europäer unweigerlich auf. Ich komme mit vielen Menschen ins Gespräch und bin überrascht, mit welcher Offenheit die Ägypter mir begegnen. Selbst junge Frauen haben offenbar keine Berührungsängste zur westlichen Welt. Ich habe mich in meinen Vorurteilen getäuscht, fühle mich schnell wohl. Keine Bombenleger weit und breit, stattdessen hilfsbereite Menschen, die fast immer ein Lächeln auf den Lippen haben. Ich werde in Moscheen eingeladen, darf Beduinen besuchen und bekomme bei jeder Gelegenheit Tee angeboten. Wer Ägypten nicht kennt, für den ist es schwierig sich diese einzigartige Atmosphäre vorzustellen. Bevor ich meine Fotos zeige und weitere Reiseerlebnisse schildere, empfehle ich deshalb die folgenden beiden YouTube-Videos. Beide lassen die Einzigartigkeit Ägyptens sehr gut erahnen.

Doch zurück zu meiner Ägypten-Reise, die mich bereits am Flughafen von Kairo überwältigt. Dichter Smog und eine drückende Hitze. Dazu Gewusel wie einen Tag vor Heiligabend in der Spielzeugabteilung des KaDeWe. Tausende von Taxifahrern buhlen um Kundschaft. Mit ungutem Gefühl vertraue ich mich einem an. Im Laufschritt geht es mit ihm zu seinem Taxi. Andere Fahrer versuchen ihm die europäische Kundschaft streitig zu machen. Mein Gepäck wird von einem Fahrzeug ins andere geladen, unter den Fahrern flammt ein lautstarker Streit auf. Plötzlich kurze Stille, wir fahren los. Wir brettern! Menschen werden als Slalomhütchen missbraucht, andere Autos nicht beachtet. Mein Blick fällt im dichten Stadtverkehr kurz auf den Tacho: 95 km/h! Dann plötzlich – ich hätte es kaum noch für möglich gehalten – stoppt das Fahzeug ohne Unfall und wir stehen vor meinem Hostel. Ich will nur noch duschen, bevor ich mich weiter auf diese Stadt einlassen kann. Nach dem kühlen Nass geht es mir besser. Das freundliche Personal im King Tut Hostel lädt mich auf einen Tee ein. Ich bin überrascht – Stühle gibt es hier keine. Selbst im Speisesaal wird auf dem Fußboden gesessen. Das ist der Orient. Mir gefällt es.

Speisesaal im King Tut Hostel Kairo

Zwei Tage lasse ich mich ohne besonderes Ziel in Kairo treiben. Bin genervt, bin fasziniert, will nach Hause, will eigentlich nie mehr weg. Ich weiß noch immer nicht was ich von Kairo halten soll. Das Chaos zerrt an den Nerven und bietet zugleich tausende neue Eindrücke. Ich versuche möglichst viele davon mit meiner Kamera festzuhalten:

Die Skyline von Kairo.

Der einzige grüne Ort in Kairo. Nirgendwo habe ich sonst Bäume oder Pflanzen gesehen.

Verkehrschaos überall

Die Kluft zwischen arm und reich erscheint in Kairo besonders groß.

Auf Bettler trifft man an jeder Ecke.

Wenn der Bäcker nicht vom Taxi hinter ihm überfahren wird, gibt es bald frisches Brot.

Am dritten Tag mache ich mich dann auf zu den Pyramiden. Als der Taxifahrer mich am Eingang des Gizeh-Plateus aus seinem verbeulten Gefährt entlässt, bin ich enttäuscht. Um mich herum das bereits vertraute Gewusel. Eselskarren mischen sich mit Kamelen in den dichten Verkehr. Selbsternannte Guides bieten aufdringlich ihre Dienste an und sind nur mit Bestechungsgeldern davon zu überzeugen, dass sie unerwünscht sind. Überhaupt, so ist mein Eindruck, läuft in diesem Land nichts ohne Bestechung. Selbst die Polizisten, die vor den Banken stehen, halten ihre Hand auf und erwarten einen Obulus dafür, dass beim Geldabheben am Automaten nichts passiert ist. Ich denke nicht weiter darüber nach, habe immer etwas Kleingeld in der Tasche und zahle. Von den Pyramiden fehlt aber noch immer jede Spur. Obwohl ich bereits direkt davor stehe, lässt der dichte Smog keinen Blick zu. Erst als dieser sich etwas auflöst erhebt sich plötzlich eine gewaltige Wand vor mir – die Cheopspyramide. Ich bin überwätigt, könnte stundenlang stehenbleiben und den Anblick auf mich wirken lassen. Blöd nur, dass im Minutentakt neue Guides und Kameltreiber auftauchen und um meine Gunst buhlen. Ich ziehe weiter, stehe fasziniert vor dem Sphinx und umrunde alle Pyramiden des Plateaus. Besuche die Totentempel der Pharaonen und träume mich in eine vergangene Welt.

Kamele sind überall an den Pyramiden zu finden.

Faszinierende Trümmer auf dem Gizeh-Plateau.

In der Wüste um die Pyramiden wird es brennend heiß.

Eine kleine Ruhepause auf 5000 Jahren Geschichte.

Der Sphinx von hinten. Fast hat ihn die Stadt geschluckt.

Sphinx und Cheopspyramide – ein unvergesslicher Anblick.

Nach den Pyramiden folgen in den nächsten beiden Tagen zwei weitere Highlights. Zunächst das ägyptische Museum, was für mich – noch vor den Vatikanischen Museen – zu den beeindruckendsten Kunstsammlungen der Welt gehört. Ich bekomme den Mund vor Staunen kaum noch zu. Ob die Schätze aus dem Grab des Tut Ench Amun oder die Mumien der Pharaonen, der Anblick der Exponate ist überwätigend und kaum mit Worten zu beschreiben. Fotografieren ist leider streng verboten. Ich traue mich auch dann nicht heimlich Aufnahmen zu machen, wenn sich die zahlreichen Wachmänner zum Gebet zurückziehen. Ihre Bewaffnung schindet Eindruck.

In der Altstadt rund um die Mohammed Ali Moschee drücke ich am nächsten Tag um so öfter auf den Auslöser der Kamera. Ich laufe durch Gassen, in denen es keine Touristen gibt und befinde mich in einer Welt, die mich an Indiana Jones Filme erinnert. Es scheint, als sei die Zeit hier vor Jahrhunderten stehengeblieben. Auf den Straßen werden Ziegen geschlachtet, Autos lackiert und Müllberge angehäuft. Schafe laufen umher und machen den Eseln den Platz streitig. So fremd, wie mir diese Welt erscheint, so fremd muss ich auch auf die Bewohner dieses Viertels wirken. Ich werde beobachtet. Alle musstern mich ganz genau. Die Frauen hier sind komplett verhüllt. Alle tragen schwarze Gewänder mit einem einzigen kleinen Sehschlitz. In meinen Gedanken tauchen plötzlich wieder Bombenleger auf . Der Islam scheint hier das Maß der Dinge zu sein und ich möchte niemanden mit meiner Anwesenheit provozieren. Ich bin froh als ich einen Imam treffe, der mich in seine Moschee einlädt. Vom Minarett kann ich das umliegende Treiben in Ruhe beobachten. Ich sehe eine Parallelwelt. Auf den Dächern der Häuser gibt es eine eigene Stadt. Anscheinend wird hier Müll entsorgt, Wäsche getrocknet und Vorrat gebunkert. Kinder spielen auf den Dächern, Ziegen klettern über den Schutt. Hier, hoch über Kairo ist kein Lärm mehr zu vernehmen. Einzig meine Kamera macht pausenlos klick.

Häuser soweit das Auge reicht – Kairo von oben

Die Sultan Hassan Moschee war einst die größte der Welt.

Die Mohammed Ali Moschee.

Auf den Dächern Kairos befindet sich eine eigene Welt.

Nach knapp einer Woche verlasse ich Kairo. Das Flugzeug bringt mich quer über die Wüste ans Rote Meer. Noch während wir über dem Flughafen von Hurghada Warteschleifen fliegen wird mir klar, hier erwartet mich ein anderes Ägypten. Aus der Luft sind nicht nur traumhafte Korallenriffe zu sehen. Dicht an dicht stehen riesige Bettenburgen. Mit Kairo hat dieser Anblick nichts mehr gemein. Nach Verlassen des Flughafens fällt der erste Blick auf europäische Touristen. Bilder, wie sie klischeehafter nicht sein könnten. Überall hellhäutige Menschen mit Sonnenbrand, nacktem Oberkörper, Bierbauch und weißen Tennissocken in den Badelatschen. Die Taxifahrt zum Hotel führt vorbei an Diskotheken, Restaurants, Shopping-Centern und immer wieder Hotelanlagen. Ich komme mir vor wie in einem großen Disneyland. Für Disneyland hatte ich allerdings noch nie etwas übrig. Es wird überdeutlich, dass hier bis vor wenigen Jahren nichts als Wüste war und der ganze Ort in Windeseile für zahlungskräftige Touristen aus dem Boden gestampft wurde. Dennoch, im Hotel herrscht eine entspannte Atmosphäre und das Rote Meer entschädigt für die fehlende Kultur. Ich verbringe viel Zeit mit Schnorcheln und kann mich an dem Artenreichtum unter Wasser kaum satt sehen. Das Preisniveau ist zum Glück derart gering, dass ich mich mehrfach mit Booten zu den schönsten Schnorchelplätzen bringen lassen kann. Wer nicht selbst abtauchen möchte, kann im folgenden YouTube-Video ein Stück der farbenprächtigen Unterwasserwelt sehen:

Auch wenn es mir in Hurghada unter Wasser deutlich besser gefällt, als in der künstlichen Welt darüber, versuche ich in der Woche am Roten Meer auch diese Szenen auf den Speicherchip der Kamera zu bannen:

Warum haben eigentlich alle Hotels einen Pool, wenn das Meer direkt vor der Tür liegt?

Der Fischreichtum ist die Attraktion Hurghadas.

Die Hauptstraße säumen zahlreiche kleine Shops. Geschäftstüchtige Händler versuchen alles, um Touristen zum Kaufen zu bewegen.

Mein niedlicher kleiner Mitbewohner.

Ein Bootsausflug lohnt sich und ist nicht teuer.

Irgendwann kam aber bei mir der Punkt, an dem ich auch auf das viele Schnorcheln keine Lust mehr hatte. Was also tun? Durch die Stadt bummeln war fast unmöglich, da überall aufdringliche Händler versuchten mich in ihre Geschäfte zu ziehen. Im Sekundentakt angesprochen und am Ärmel gezogen zu werden, ging mir bereits nach fünf Minuten auf die Nerven. Ich brauchte dringend wieder etwas Authentisches. Ich beschloss eine Wüstentour zu einem Beduinendorf zu buchen. Zwar waren auch diese Beduinen inzwischen auf Touristen eingestellt, doch gab diese Tour eine kleine Ahnung vom wirklichen Leben in der Region. Allein die Anfahrt machte den Ausflug zum lohnenden Erlebnis. Eine Fahrt durch die Wüste, mit Sprüngen über Dünen ist mit nichts zu vergleichen – blaue Flecken inklusive.

Mit einem Auto durch die Wüste zu fahren ist ein unbeschreibliches Erlebnis.

Der örtliche Bäcker im Beduinendorf.

Der örtliche Bäcker im Beduinendorf.

Folklore auf ägyptisch.

Artikel downloaden

Heute liegt die Reise nach Kairo und Hurghada bereits über zwei Jahre hinter mir. Ich weiß noch immer nicht, ob mir Ägypten gefallen hat bzw. was Ägypten eigentlich ist. Beide Städte hätten kaum unterschiedlicher sein können. Kairo, die Millionenstadt mit ihrer jahrtausendealten Kultur und Hurghada, das künstlich erschaffene Städtchen inmitten der Wüste. Vielleicht muss ich noch öfters nach Ägypten, um mir ein Bild machen zu können.

Über Kairo habe ich einen Artikel in den Osnabrücker Nachrichten veröffentlicht, dieser kann durch einen Klick auf die linke Grafik heruntergeladen werden.

Wer selbst einmal nach Ägyten möchte, der findet durch einen Klick auf die folgenden Links interessante Angebote: Angebote für Kairo und Angebote für Hurghada



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6 Kommentare »

  1. Phil 10. Dezember 2010 at 17:08 - Reply

    Wow! Echt ein super Bericht über eine faszinierende Stadt. Weiter so, auch der Schreibstil hat echt was. Auch die Bilder sind klasse!

    Jetzt bleibt mir eigentlich nur noch eine Frage: Will ich dahin, oder nicht? Auf der einen Seite sind die Pyramiden und eine ganz andere Welt, aber auf der anderen habe ich schon so oft gelesen, dass die Stadt einen total verrückt macht und man zu Beginn des Rückflugs ein nervliches Wrack ist. =)

    • osnapicture 11. Dezember 2010 at 10:12 - Reply

      Allein die Pyramiden sind es eigentlich wert. Ich würde empfehlen, von Kairo nicht direkt zurück nach Deutsschland zu fliegen, sondern – wie ich es gemacht habe – danach etwas am Meer versuchen zu entspannen.

  2. Hein Lang 11. Dezember 2010 at 00:26 - Reply

    Ein wirklich toller Bericht mit gigantischen Bildern!
    Auch ich bin mit Ägypten zwiegespalten, aber aus einem anderen Grund. Ich kenne die Tradition (+Denkweise) und Kultur etwas mehr wie die geographischen Gegebenheiten. Als Europäer kann man dies nie ergründen und schon gar nicht verstehen. Politisch ist Ägypten für mich auch nicht nachvollziehbar (Notstandsgesetz), sowie die Menschenrechtssituation!
    Hurghada ist ein dreckiger, billiger Touristenort mit Nepp und Schlepp – ohne Infrastruktur für das dort dafür zugewanderte arbeitende Volk.
    Inshallah

    • Thomas Limberg 12. Dezember 2010 at 13:23 - Reply

      Vielen Dank für Deinen Kommentar

      • wirsindverreist 20. Dezember 2010 at 08:15 - Reply

        Ich hänge seit gestern Abend auf Deiner Seite fest, seit ich durch Deine Kommentare auf sie gestooßen bin. Du hast wirklich tolle Berichte, tolle Aufnahmen…man sieht einfach, dass Du Dir bei den Reisen und dazugehörigen Fotos Gedanken machst…ich bin wirklich total begeistert und stöbere noch ein wenig weiter!

  3. Trudi Riis@fernseher test 29. Januar 2011 at 00:51 - Reply

    Hallo, toller Beitrag, der RSS Hyperlink funktioniert leider nicht, trotzdem top Homepage!

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