Über meine Rundreise durch den Nordwesten von Kanada habe ich ja hier bereits etwas geschrieben: http://www.breitengrad66.de/2010/11/30/rundreise-durch-kanadas-norden-und-alaska/ Dort ist auf der Karte auch der Dempster Higway eingezeichnet, jene Straße, die sich von Dawson City bis hinauf nach Inuvik schlängelt. Für mich gehörte die Fahrt auf dem Dempster zu den absoluten Highlights der Reise. Den folgenden Artikel über diese Traumstraße, habe ich in den Osnabrücker Nachrichten und im Emsland Kurier veröffentlicht:
Der Dempster Highway ist zum größten Teil eine Schotterpiste.
Weit und breit kein Mensch. Nur Stille, unendliche Stille – durchbrochen lediglich von den „Sounds of Nature“: Dem Schrei eines Adlers oder dem Paddelschlag eines Bibers. Dem Rauschen und Gurgeln der Flüsse und Bäche. Lärm und Hektik sind hier ein Fremdwort. Karibuherden mit mehr als 130.000 Tieren ziehen gemächlich ihre Bahnen. Nur die am Straßenrand stehenden Erdhörnchen scheinen nervös – vielleicht weil sich hinter dem nächsten Blaubeerbusch eine Grizzlyfamilie entspannt die Sonne auf den Pelz scheinen lässt.
An der Straße können immer Grizzlys auftauchen.
736 Kilometer schlängelt sich der Dempster Higway durch eine der faszinierendsten Landschaften der Welt. In der Nähe der ehemaligen Hauptstadt des Klondike- Goldrausches, Dawson City, startend führt die Schotterpiste bis weit über den nördlichen Polarkreis nach Inuvik. Jeder Blick durch die Frontscheibe ist hier ganz großes Kino. Als ob ein Kassenschlager nach dem anderen abgespielt würde – vom Road Movie bis zum Spaghetti Western, vom Sielmann-Tierfilm bis zum Abenteuer-Thriller. Landschaften wie aus einer anderen Welt werden durchfahren. In den Richardson Mountains, in denen sich noch niemand die Zeit genommen hat, allen Gipfeln einen Namen zu geben, könnte jederzeit eine Fortsetzung von „Herr der Ringe“ gedreht werden.
Die Richardson Mountains wirken wie aus einem Herr der Ringe Film.
Herb und von archaischer Schönheit präsentieren sich die leuchtend grünen Moosteppiche entlang der Ogilvie Bergkette, verziert von unzähligen bunten Flechten. Die tiefen Wälder und glasklaren Seen, scheinen Relikte aus der Urzeit zu sein. Und immer wieder sind es die Tiere der Tundra, die der Fahrt auf dem Dempster das i- Tüpfelchen aufsetzen. Die erste Begegnung mit einem Grizzly wird kaum ein Mensch im Leben je vergessen und in die gleiche Kategorie einordnen, wie den ersten Kuss oder die erste Liebe. Die Chancen auf bärige Begegnungen stehen kaum woanders auf der Welt besser als hier. Deutlich mehr Schwarz- und Grizzlybären als Menschen leben im Gebiet des Yukon und der Northwest Territories, durch die der Dempster führt. Doch nicht alles, was neben der Straße brummt, ist ein Bär. Die arktische Wildnis ist voller Leben, das sich hier in friedlicher Eintracht mit den wenigen Menschen erhalten hat.
Unzählige Seen säumen die Straße
Die letzte Großherde der Porcupine Karibus, die aus der fast unvorstellbaren Zahl von 165.000 Tieren besteht, wandert jedes Frühjahr aus den Richardson und Ogilvie Mountains des Yukon, wo sie überwintern, in Richtung Norden zu den Weidegründen der Küstenebenen des Landes und Alaskas. Immer wenn dieses unvergleichliche Naturschauspiel einsetzt und zehntausende von Geweihpaaren mit großen Staubwolken entlang des Highways ziehen, kann der Verkehr für Tage lahm gelegt sein. Auch wenn Bisons oder die seltenen Moschusochsen die Straße queren, geht oft nichts mehr. Doch wen stört das hier? Schnell will niemand über den Higway donnern, schließlich gibt es so viel zu entdecken.
Der Dempster ist ein ständiges Auf und Ab.
Die majestätisch in den Sümpfen und Seen grasenden Elche z. B., die sich durch nichts und niemanden stören lassen und gemächlich ihre Bahnen über den Permafrostboden der Tundra ziehen. Selbst die Wölfe und Kojoten machen dem König des Nordens die Reviere nicht streitig. Platz ist hier für jeden in Hülle und Fülle. Wer das stressige Autofahren in Europas Großstädten nicht mag, für den dürfte das Fahren in den unendlichen Weiten eine wahre Freude sein. Auch wenn einige Reiseführer noch heute vor dem Befahren des Dempsters warnen und wahre Horrorgeschichten von zerplatzten Reifen sowie gestrandeten Autos vermelden, ist eine Fahrt auf dem Highway kein Risiko.
Die Autos sind gesprenkelt im Einheitsgrau des aufgewirbelten Staubs und Matsch.
Ein Ersatzreifen und ein voller Tank sollten jedoch selbstverständlich sein. Bis zur ersten Tankstelle in Eagle Plains sind es immerhin 370 abenteuerliche Kilometer. Mindestens 12-16 Stunden reine Fahrtzeit müssen für den gesamten Weg durch die rauhe weite Welt mit den schier endlosen Horizonten eingeplant werden. Mit Zwischenstops für Tier- und Naturbeobachtungen darf es mindestens noch einmal solange dauern. Alle Autos, die am Ende der Traumstraße das Ziel Inuvik erreichen, sehen gleich aus. Gesprenkelt im Einheitsgrau des aufgewirbelten Staubs und Matsch. Doch hier oben am Ende der Welt spielt gutes Aussehen keine Rolle. Immerhin geht es nur noch 160 Kilometer weiter bis Tuktoyaktuk, wo der Kontinent endet und in die ewige Weite des Polarmeers übergeht. Mit dem Auto erreichbar ist die Inuit-Siedlung allerdings nur im Winter, dann wenn die Arme des Macenzie- Rivers steif gefroren sind und zur Iceroad werden.
Der Dempster Highway führt über den Polarkreis.
Übrigens ist in Googles Street View der komplette Dempster virtuell zu erkunden. Ein Blick in den Kartendienst lohnt sich:
Unterwegs habe ich mit den wenigen Manschen gesprochen. Alle hatten interessante Geschichten auf Lager. Hier ein kurzer Auszug davon:
Romy Jansen – Juwelierin aus Dawson City
„1980 bekam ich hier noch Goldnuggets als Trinkgeld“, berichtet Romy Jansen. Damals, vor fast 30 Jahren, paddelte die gebürtige Schweizerin mit ihrem Mann auf einem Floß den Yukon-River hoch und blieb in Dawson City – für immer. Das Leben in der Kleinstadt mit 1900 Einwohnern ist nicht einfach. Im Winter fällt das Thermometer nicht selten auf 50 Grad unter Null. Dennoch, Romy Jansen möchte die romantische Goldgräbersiedlung mit dem unverwechselbaren Westernflair, nicht mehr verlassen. Die heute 55-jährige jobbte zunächst als Kellnerin und betreibt heute ihr eigenes Geschäft. Hat sie einmal frei, zieht es sie hinaus in die Wildnis. „Diese Leere da draußen ist einfach unbeschreiblich“, berichtet sie mit leuchtenden Augen. „Ich kann 600 km fahren und dabei nur 2 Autos sehen. Dann denke ich mir schon, ist hier heute aber viel Verkehr“. Erst vor einem Monat habe sie auf einem ihrer Wildnistripps in einer Nacht 21 Elche gesehen und 1500 Fotos davon geschossen. Die stilbewusste modische Frau mit dem leuchtenden Lippenstift und der perfekt sitzenden Frisur schießt gelegentlich sogar scharf. Pro Jahr erlegt sie mindestens einen Elch oder 2 Karibus. Fleisch kaufen musste sie im hohen Norden Kanadas noch nie. „Die Natur gibt mir hier einfach alles. Selbst in den langen Wintern ist das Leben in Dawson ein Traum. Der Schnee blinzelt wie 1000 Diamanten und die Luft ist so klar, dass man die Schwingen der Vögel hören kann, die hoch oben in den Bergen ihre Bahnen ziehen.“
Martha Snowshoe – Beerensammlerin
„Vor 2 Stunden hatte ich noch Gesellschaft“, berichtet Martha Snowshoe. Jedes Jahr, wenn sich der Sommer dem Ende neigt, fährt sie aus dem knapp 500 km entfernten Whitehorse weit den Dempster hoch. Dann wachsen hierMillionen von Preisel-, Blau- und unzähliger weiterer schmackhafter Beerensorten. Die Indianerin sammelt die Beeren in großen Mengen und legt sich damit einen Wintervorrat an. „Nicht nur mir schmecken die Beeren gut“, erzählt sie und deutet dabei auf die andere Straßenseite. „Genau dort hat eben noch ein großer Grizzly friedlich Geschmack an den Beeren gefunden und ebenfalls für den Winter vorgesorgt“. Der Bär hat sich nicht von der Indianerin stören lassen und sie nicht von ihm. „Man muss sich nur gegenseitig respektieren“, so ihr gut gemeinter Ratschlag.
Abe Wilson – Gwichin-Indianer
Kurz bevor der Dempster Highway den Mackenzie-River quert, liegt versteckt im Wald eine kleine Hütte. Davor, im hohen Gras, ein Mann mit wettergegerbten Gesicht und blutverschmierten Händen. Er ist beschäftigt, weidet ein Karibu aus. Früher sei er, wie es seine Vorfahren seit Jahrtausenden getan haben, selbst auf die Jagd gegangen. Heute bringen dem Gwitchin- Indianer jüngere Stammesangehörige die frisch erlegten Tiere. Gemeinsam mit seiner Frau verwertet Abe Wilson den leblosen Körper nach alter Tradition. Das Fleisch wird in kleine Streifen geschnitten und zum Trocknen auf die Leine gehängt, große Stücke kommen in einen selbstgebauten Räucherofen. Verloren geht dabei nichts. Fett und Fleisch dienen vollständig als Nahrung. Fell und Leder werden zu Kleidung und Schuhen verarbeitet. Knochen und Sehnen finden sich später in Gebrauchsgegenständen wieder. „Karibus sind ein wichtiger Teil unseres Lebens“, berichtet Wilson mit stark indianischem Akzent. Die Gwichin glauben, dass in jedem Karibu ein Teil vom Herzen eines Menschen schlägt und dass ein wenig Karibu in jedem Menschen ist.
Olav Falsnes – Ex-Buschflieger aus Inuvik
Olav Falsnes kann viel erzählen. Der 67-jährige Norweger kam als Teenager nach Kanada und machte schnell Karriere als Buschpilot. In über 20000 Flugstunden hat er ziemlich jeden Winkel der kanadischen Arktis angesteuert. Er hat Geologen, Ölarbeiter, Touristen und diverse Staatspräsidenten geflogen. 4 Mal landete er sogar am Nordpol. Irgendwann hatte Olav keine Lust mehr auf die Fliegerei und baute weit oberhalb des nördlichen Polarkreises mit seiner amerikanischen Frau Ferienhäuser für Touristen auf. „Inuvik und die Umgebung sind faszinierend. Das Licht atemberaubend. Wenn wir uns draußen an einem Lagerfeuer wärmen, oben am Himmel die Nordlichter tanzen und von über 3000 Karibus umringt sind, denke ich mir immer: mehr geht nicht.“ Fast immer dabei sind seine schneeweißen Huskies. 26 Stück besitzt der Mann, der inzwischen sogar die Sprache seiner Inuit-Freunde gelernt hat. Mit den Hunden bricht er in jeder freien Minute in die ursprüngliche Natur auf, um dann festzustellen: „Meine Heimat Norwegen ist toll, aber hier ist die Freiheit wirklich grenzenlos.“
Pamela Brown – Parkrangerin
„Welcome to my office“, begrüßt Pamela Brown ihre Gäste im Tombstone Nationalpark. Die Parkrangerin arbeitet erst seit einem Jahr in diesem 2200 qkm großen Schutzgebiet und kann sich schon jetzt keinen anderen Arbeitsplatz mehr vorstellen. „Grizzlys, Schwarzbären, Karibus, Elche oder die unzähligen Vogelarten, sind faszinierend“, berichtet die 34-jährige mit leuchtenden Augen. Erreichbar sind die schönsten Flecken im Park nur zu Fuß oder mit dem Hubschrauber. „Dafür genießt man dann die absolute Ruhe und kann ungestört die Tiere beobachten.“




















Guter Beitrag, es fehlen lediglich ein paar Fotos!