Von Ilsenburg auf den Brocken

Thomas Limberg 11. November 2013 0

Es war ein banger Blick auf die Webcams am Gipfel des Brocken. In den letzten Tagen hatte ich mir diese immer wieder angeschaut und dort entweder Schneematsch oder dank dichtem Nebel fast gar nichts gesehen. Keine guten Aussichten für unsere geplante Tour in den Harz. Mitte November schien einfach die falsche Jahreszeit zu sein. Auch der Blick auf den Wetterbericht für das Wochenende unseres Ausflugs verhieß nichts Gutes: Eine Mischung aus Sprüh- und Schneeregen war prognostiziert. Ich dachte mir, bei dem Wetter würde ich meine Kamera kaum gebrauchen können, und ließ deshalb die komplette Ausrüstung zu Hause, als ich mich mit fünf Mitstreitern auf den Weg in den Harz machte.
Über Hannover fuhren wir in aller Frühe bis nach Ilsenburg. Unterwegs wurden die Wolken immer dichter und dunkler. Doch in Ilsenburg angekommen dann etwas völlig Unerwartetes: die Wolckendecke riss auf und wich einem strahlend blauem Herbsthimmel. Doch der unerwartete Wetterumschwung sollte nicht die einzige Überraschung bleiben. Wir hatten wegen der zentralen Lage das Altstadthotel Ilsenburg gebucht. Schnell machten wir uns auf den kurzen Weg vom Bahnhof zum Hotel, schließlich wollten wir gleich den Brocken erklimmen. Doch am Hotel angekommen der Schock: alle Türen zugesperrt und in den Fenstern ein Zettel mit der Aufschrift “Wegen Renovierung geschlossen”. Wir konnten es kaum glauben. Hatten wir etwa bei der Buchung über das Portal hrs einen Fehler gemacht? Nein! “Altstadthotel Ilsenburg” stand auf unserer Buchungsbestätigung und auch das Datum passte. Die einzig logische Erklärung war, dass es vielleicht zwei Hotels mit dem gleichen Namen gab. Wir tippten also die Adresse “Wernigeröder Straße 1″ von unserer Buchungsbestätigung in unser Navi ein und ließen uns dann damit knappe vier Kilometer bis nach Drübeck führen.

Beim Versuch das Hotel zu finden mussten bereits die Wanderschuhe angezogen werden.

Beim Versuch das Hotel zu finden mussten bereits die Wanderschuhe angezogen werden.

Etwas komisch kam uns das alles auf der rund einstündigen Wanderung schon vor, aber da Drübeck eingemeindet worden war und inzwischen zu Ilsenburg gehörte, könnte das Hotel ja tatsächlich dort liegen. Nach dem Marsch dort angekommen, fanden wir aber kein Hotel, sondern nur eine Bank unter einer Eiche. Ratlos setzten wir uns und studierten noch einmal die Buchungsbestätigung. Wir konnten uns nicht erklären, was gerade passierte und wie man ein Hotel buchen konnte, das geschlossen war. Wir beschlossen im Hotel anzurufen, doch niemand hob ab. Erst beim zweiten Anruf wenige Minuten später hob jemand ab und erklärte uns, dass das Hotel tatsächlich geschlossen war und man uns stattdessen im Waldhotel eingebucht hatte. Ich war stocksauer. Seit Wochen hatte ich im ganzen Harz nach zentral gelegenen Hotels gesucht und mich wegen der Bahnhofsnähe schließlich für das Altstadthotel in Ilsenburg entschieden. Dass dieses trotz Renovierung zur Buchung freigegeben wurde, empfinde ich als Unverschämtheit. Richtig dreist fand ich allerdings, dass uns niemand über die Umbuchung informierte. Bei der Buchung hatte ich sowohl Handynummer, als auch E-Mailadresse angegeben. Mich zu informieren, wäre also kein Problem gewesen. Ich hätte dann wenigsten noch die Möglichkeit gehabt, die Buchung zu stornieren und ein neues zentral gelegenes Hotel zu suchen, das nicht geschlossen ist. Zudem hätten wir uns die Wanderung nach Drübeck gespart. Auch jetzt überlegte ich noch kurz, alles zu stornieren. Doch da es inzwischen schon fast Mittag war und wir bald zum Brocken aufbrechen mussten, entschieden wir uns das Waldhotel zu nehmen. Wir bestellten zwei Taxis für sechs Personen, die uns dorthin fuhren. Nach einigen Verhandlungen mit der Empfangsdame wurden uns zwar die 20 Euro für die Fahrt erstattet und ein Freigetränk pro Person zugesichert, doch warum man über eine Umbuchung nicht informiert wird oder warum man ein geschlossenes Hotel überhaupt zur Buchung freigibt, darauf hatte sie auch keine Antwort. “Sie haben dafür hier eine viel bessere Ausstattung mit Sauna, Schwimmbad usw.”, erklärte sie nur. Wir wollten aber keine Sauna und kein Schwimmbad – wir wollten ein zentrales Hotel und kein Hotel im Wald.

Treffende Hotelbezeichnung - Das Waldhotel

Treffende Hotelbezeichnung – Das Waldhotel

Wir ärgerten uns fürs Erste nicht mehr und begaben uns auf den Weg Richtung Brocken. Bei noch immer grandiosem Herbstwetter folgten wir dem Heinrich-Heine-Weg entlang des Flüsschens Ilse durch einen im goldenen Licht schimmernden Buchenwald. Ich war fasziniert von der Landschaft und blieb zwischendurch immer wieder kurz stehen. Ich hielt nach Tieren Ausschau. Vielleicht hatten wir ja das Glück, vor dieser traumhaften Kulisse einen Hirsch oder gar einen Luchs zu sehen. Auch wenn wir hier keine Tiere sahen, bot der Anblick der sich malerisch über kleine Felsbrocken talwärts stürzenden Ilse einen traumhaften Anblick. Wie in einem Märchenwald wirkte diese Szenerie.

Der Weg führte zunächst an der Ilse entlang.

Der Weg führte zunächst an der Ilse entlang.

Ich ärgerte mich jetzt richtig, dass ich keine Kamera im Gepäck hatte und nur mit dem Handy fotografieren konnte. Vom angekündigten Schneeregen war weit und breit nichts zu sehen. Nach rund 30 Minuten Wanderzeit wurde der Weg etwas steiler. Wir hatten die Ilsefälle erreicht. Der Fluss überwindet dort auf einer Strecke von rund einem Kilometer einen Höhenunterschied von über 100 Metern. Über unzählige Kaskaden plätscherte das Wasser dahin. In kleinen Becken, abseits des Hauptstromes, waren kleine Fische zu beobachten.

Rund um die Ilsefälle wurde der Weg steiler.

Rund um die Ilsefälle wurde der Weg steiler.

Der Himmel strahlte in einem tiefen Blau.

Der Himmel strahlte in einem tiefen Blau.

Wir steckten inmitten eines imposanten Urwaldes, der je höher wir kamen irgendwann hauptsächlich aus Nadelbäumen bestand. Wenig später erreichten wir den sogenannten Kolonnenweg, den damals die DDR-Grenzer nutzten. Jetzt wurde es richtig steil und die Oberschenkel begannen zu brennen. Wir mussten mehrere kurze Pausen einlegen. Dafür hatten wir den Gipfel bereits vor Augen und konnten beim Blick zurück eine grandiose Fernsicht genießen.

Auf dem Kolonnenweg wurde es richtig steil.

Auf dem Kolonnenweg wurde es richtig steil.

Die grandiose Fernsicht ließ sich mit der Handykamera nicht wirklich einfangen.

Die grandiose Fernsicht ließ sich mit der Handykamera nicht wirklich einfangen.

Kurz vor dem Gipfel überquerten wir die Schienen der Harzer-Schmalspurbahn und bekamen ein interessantes Geräusch auf die Ohren. Es säuselte und pfiff. Sofort musste ich an die Harzer-Hexen denken. Hatten die Geräusche etwas mit der Legende um den Blocksberg zu tun? Natürlich war die Erklärung einfach: Der starke Wind fegte um die jetzt in greifbarer Nähe befindlichen Gebäude auf dem Gipfel. Ein irgendwie gespenstisches, aber zugleich faszinierendes Geräusch!

Kurz vor dem Gipfel wurden die Schienen überquert.

Kurz vor dem Gipfel wurden die Schienen überquert.

Noch immer war der Himmel strahlend blau. Hier oben, auf dem baumlosen Gipfel waren wir den Kräften der Natur aber völlig ausgeliefert. Das Thermometer zeigte nur noch 1 Grad und der Wind war so stark, dass er sogar Mützen von den Köpfen fegte. Es war nach der genau 3-stündigen Wanderung über knappe 10 Kilometer deutlich zu ungemütlich, um sich länger im Freien aufzuhalten. Wir kämpften uns nur ganz kurz gegen den Wind bis zum höchsten Punkt, machten dort schnell das obligatorische Gipfelfoto und verschwanden dann im Inneren des Brockenhauses. Wir fuhren mit dem Fahrstuhl auf die Aussichtsplattform und genossen von dort einen windgeschützten Rundumblick auf weite Teile Sachsen-Anhalts und Niedersachsens.

Windgeschützt und war ist es auf der Aussichtsplattform.

Windgeschützt und warm ist es auf der Aussichtsplattform.

Blick auf den höchsten Punkt des Brockens.

Blick auf den höchsten Punkt des Brockens.

Bevor wir uns wieder in die Kälte wagten, stärkten wir uns noch im benachbarten Restaurant mit einem Glühwein. Inzwischen war es fast dunkel und wir wollten ohnehin nicht wieder ins Tal laufen. Also gingen wir nur die paar Meter bis zur Station der Brockenbahn. Auf dem Weg begegneten uns zwei Füchse, die keinerlei Scheu zeigten und ebenso neugierig die Menschen beobachteten, wie wir sie. Der Dampflok-bespannte Schmalspurzug stand schon bereit. Bei der Schaffnerin kauften wir für 26 Euro ein Ticket und nahmen ihr auch noch den ein oder anderen Harzer Kräuterschnaps ab. Es war zwar inzwischen schon völlig dunkel und eisig kalt, aber trotzdem wollten wir es uns nicht nehmen lassen, die Zugfahrt im Freien zu genießen. Die alten Wagen haben jeweils vorne und hinten eine Plattform, auf der man auch während der Fahrt stehen kann. Wir taten dies über eine Stunde. Direkt im ersten Wagen, hinter der Dampflok. Wir rochen den Rauch, wurden bisweilen völlig eingenebelt und zuckten bei jedem Pfiff zusammen – dennoch hatten wir ungeheuer Spaß an dieser einmaligen und authentischen Fahrt. Auf halber Strecke, in Drei Annen Hohne, dann ein kurzer Zwischenstopp zum Wasser auffüllen. Zu gerne hätte ich jetzt meine “richtige” Kamera dabei gehabt. Mit dem Handy ließ sich in der Dunkelheit fotografisch nicht wirklich etwas anfangen.

In der Dunkelheit stieß die Handy-Kamera an ihre Grenzen. So wie hier in Drei Annen Hohne.

In der Dunkelheit stieß die Handy-Kamera an ihre Grenzen. So wie hier in Drei Annen Hohne.

Im weiteren Verlauf der Fahrt versuchte ich das Schauspiel, vor allem bei der abschließenden Ortsdurchfahrt in Wernigerode, noch etwas zu filmen, aber auch hierbei musste ich kapitulieren. Ich schwor mir in diesem Moment, nie wieder ohne eine vernünftige Kamera irgendwohin aufzubrechen – selbst dann nicht, wenn der Wetterbericht größtes Mistwetter voraussagt.
In Wernigerode angekommen, schnappten wir uns ein Großraumtaxi und ließen uns in “unser” Waldhotel nach Ilsede fahren. Geschafft von der anstrengenden Wanderung freuten wir uns jetzt auf unsere Freigetränke und ein leckeres Abendessen. Im Hotel wurde ein Buffet angeboten, das jeder von uns für 14 Euro bestellte. Das Essen war nicht schlecht und durchaus essbar, aber unter einem Buffet stellte sich jeder von uns wahrscheinlich etwas anderes vor. Es gab nur einen kleinen Tisch mit einer ebenso kleinen Auswahl an Speisen. Alle nach unserem Empfinden etwas lieblos zubereitet. Dafür stellte sich uns der Hotelchef vor, weil er gehört hatte, dass wir Probleme mit der Buchung gehabt haben sollen. Freundlich erklärten wir ihm, dass wir keine Probleme mit der Buchung hatten, sondern ein ganz anderes Hotel gebucht hatten, dass aber gar nicht geöffnet ist. Er sagte nichts weiter dazu, und fragte, ob er uns als Entschädigung allen einen Sekt anbieten dürfe. Dass wir unsere versprochenen Freigetränke schon zuvor bestellt hatten, gefiel ihm anscheinend nicht. Jedenfalls verschwand er mit einem Gesichtsausdruck, aus dem wir lesen konnten, dass es ihm anscheinend gar nichts ausmachte, dass uns ein Hotel zur Buchung angeboten wurde, dass es derzeit gar nicht gab. Als er nach dem Essen zahlen wollten, fragte er immerhin, ob es geschmeckt hat. Wir entgegneten ihn freundlich, ob er eine ehrliche Meinung hören wolle. Darauf der Hoteldirektor pikiert: “Was ist denn jetzt schon wieder?” Wir kamen uns langsam etwas veralbert vor. Wir wollten ihm nur sachlich unsere Meinung mitteilen, er aber ging auf Konfrontationskurs. Eigentlich ein absolutes Unding im Gastgewerbe. Er setze gar noch einen drauf, als er die eingeschränkte Auswahl an Speisen mit der fortgeschrittenen Uhrzeit erklärte: “Das Buffet läuft nur noch eine Stunde. Wir haben momentan viele Gäste. Da ist jetzt natürlich einiges schon weg.” Kumpelhaft klopfte er einigen von uns entschuldigend auf die Schulter. Etwas unangenehm war auch die Tatsache, dass irgendein Verein eine Diashow im Speisesaal zeigte und man sich schon fast mit schlechtem Gewissen und nur auf Zehenspitzen zum Buffet schleichen musste, um die Teilnehmer der Präsentation nicht zu stören.

Nach dem Essen genehmigte ich mir ein NVA-Bier.

Nach dem Essen genehmigte ich mir ein NVA-Bier.

Auch beim Frühstück am nächsten Morgen kein anderes Bild. Das Buffet war zwar ausreichend, aber wirklich am untersten Limit zu vergleichbaren Hotels. Auf unserem Tisch befand sich nur eine Kanne Kaffee für sechs Personen. Zucker und Milch gab es gar nicht. Während der gesamten knapp 90 Minuten, die wir dort saßen, ließ sich zu keinem Zeitpunkt jemand vom Hotel blicken und fragte, ob es noch etwas sein darf oder kam auf die Idee, gebrauchtes Geschirr vom Tisch zu räumen. Von einem 3-Sterne-Haus darf man sicher etwas anderes erwarten.
Wir waren froh, dass wir nur eine Nacht gebucht hatten und checkten direkt nach dem Frühstück aus. Da es mit Gepäck bis zum Bahnhof zu weit war, blieb uns abermals nur das Taxi. Wir fuhren nach Wernigerode und schauten uns etwas ziellos die Stadt an. Erst den Marktplatz mit seinen alten Fachwerkhäusern, dann das “schiefe Haus” – eine alte Mühle, deren Fundament einst absackte und jetzt in Schräglage die Besucher beeindruckt.

Die Altstadt von Wernigerode mit dem Rathaus.

Die Altstadt von Wernigerode mit dem Rathaus.

Das schiefe Haus ist ganz schön schräg.

Das schiefe Haus ist ganz schön schräg.

Über Wernigerode thront das Schloss.

Über Wernigerode thront das Schloss.

Wir bummelten durch einige Souvenirshops und fuhren dann per Kutsche zum Schloss. Von dort hatten wir einen perfekten Blick auf die gesamte Stadt und das Umland. Wir sahen so auch, dass man den Brocken nicht mehr sah. Sein Gipfel lag unter schwarzen Wolken verborgen. Ohnehin war es inzwischen deutlich kälter und grauer geworden. Regen lag in der Luft. Wir freuten uns, dass wir gestern auf dem Brocken waren und dort so ein grandioses Wetter hatten. Durchgefroren stiegen wir den Schlossberg hinab und suchten uns in der Altstadt ein gemütliches Restaurant. Für 2/3 des Preises, den wir am Vorabend für das durchwachsene Buffet gezahlt hatten, bekamen wir hier ein richtig leckeres Essen. Wir waren glücklich und freuten uns über ein tolles Wochenende. Den Ärger über das Hotel-Chaos konnten wir dennoch nicht ganz vergessen. Er machte einen Teil der vorherigen Planung zunichte.

Mit zwei PS auf dem Weg zum Schloss.

Mit zwei PS auf dem Weg zum Schloss.

Blick über Wernigerode.

Blick über Wernigerode.

Dampfloks der Harzer Schmalspurbahn.

Dampfloks der Harzer Schmalspurbahn.

 Wer sich für eine Wanderung auf dem Heinrich-Heine-Weg und allgemeine Infos zum Harz sowie zum Brocken interessiert, findet hier weitere Infos:

Brockenwebcams: http://www.harztourist.de/brockencam/8_1_0.html

Harzer Tourismusverband: http://www.harzinfo.de/

Wernigerode Tourismus: http://www.wernigerode-tourismus.de/

Nationalpark Harz: http://www.nationalpark-harz.de/

Harzer Wandernadel: http://www.harzer-wandernadel.de/home/

 Unser Weg auf den Brocken:

volle Distanz: 9003 m
Maximale Höhe: 1137 m
Minimale Höhe: 342 m
Gesamtanstieg: 834 m

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