Auf den Gipfel der Kampenwand

Thomas Limberg 1. Oktober 2014 3

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Wenn ich in mein Bücherregal schaue, dann findet sich dort vor allem eine Kategorie Bücher besonders oft: Bücher über den Alpinismus. Ob Reinhold Messner, Hans Kammerlander, Edmund Hillary oder gar George Mallory – mich faszinieren die Beschreibungen ihrer Abenteuer in den Bergen. Doch obwohl ich diese Bücher verschlinge, wie kaum irgendwelche anderen, habe ich bis vor kurzem nie einen Gipfel bestiegen – sieht man einmal vom Brocken ab. Dabei habe ich schon als Kind bei Urlauben in den Bergen sehnsüchtig in Richtung Gipfel geschaut und mich in meinen Träumen dorthin gewünscht. Ein Berg, der mich allein durch sein bizarres Aussehen immer besonders faszinierte ist die Kampenwand in den Chiemgauer Alpen. Wie es dort oben in den schroffen Felsformationen am Gipfel wohl sein möge, habe ich mich immer gefragt, wenn ich diesen Berg sah.

Die letzten neun Jahre bin ich nicht mehr in den Alpen gewesen und in dieser Zeit habe ich weder die Kampenwand gesehen, noch mich großartig mit irgendwelchen anderen Bergen beschäftigt. Bis vor Kurzem jedenfalls, denn irgendetwas hat plötzlich in mir Klick gemacht und mir gesagt, dass ich unbedingt mal wieder in die Alpen muss. Viel mehr noch sagte mir irgendeine innere Stimme, dass ich doch nicht nur von den Gipfeln träumen soll, sondern lieber selbst dorthin aufbrechen. Als hätte ich nie etwas anderes gemacht, suchte ich voller Vorfreude nach möglichen Gipfeltouren. Um es vorweg zu nehmen: Ich habe in den letzten beiden Wochen einige tolle Gipfeltouren unternommen und dabei eine neue Leidenschaft entwickelt, aber die erste Tour musste natürlich eine auf die Kampenwand sein, zu der ich vor ziemlich genau zwei Wochen aufbrach.

Start der Tour war um kurz nach 9 Uhr in Hohenaschau an der Talstation der Kampenwand Seilbahn. Zwar hätte ich mit dieser auch gemütlich in Gipfelnähe fahren können, doch ich wollte diesen Berg unbedingt komplett aus eigener Kraft besteigen. Zum einen war ich neugierig darauf, wie sich dies anfühlt, zum anderen wollte ich wissen, ob ich dazu überhaupt in der Lage wäre. Die nachfolgende Karte gibt einen ungefähren Überblick über die Route zum Gipfel. Leider hat mein GPS-Gerät zwischen 3,5 und 4 km im Wald keinen Sattelitenkontakt gehabt und etwas wirres Zeug aufgezeichnet. Vielleicht passt es aber auch so, wie unten dargestellt. Ich kann mich jedenfalls an ein solch flaches Stück nicht erinnern… Experten werden auch gemerkt haben, dass die GPS-Aufzeichnung im Gipfelbereich nicht stimmt. Der Ostgipfel der Kampenwand ist 1664 Meter hoch.

volle Distanz: 9262 m
Maximale Höhe: 1595 m
Minimale Höhe: 603 m
Gesamtanstieg: 2409 m

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Der Start erfolgte in Hohenaschau

Der Start erfolgte in Hohenaschau

Mit der Seilbahn hätte man es sich einfach machen können

Mit der Seilbahn hätte man es sich einfach machen können

Wie bereits beschrieben, startete die Tour auf dem Parkplatz der Kampenwand Seilbahn. Von diesem führten die ersten Meter über Asphaltstraßen vorbei an einigen wenigen Häusern, bevor es in den Wald ging. Bereits hier merkte ich, dass der Tag doch deutlich anstrengender werden würde als vermutet. Es ging sofort recht steil bergan und spätestens beim Erreichen des Waldes war mein Hemd komplett durchgeschwitzt. Mal gerade eine Viertelstunde war seit Tourbeginn vergangen und ich fragte mich, ob dieses Unternehmen überhaupt Sinn machte. Als dann kurz der Wald zum Überqueren der Skipiste verlassen wurde, um danach erneut in den Wald zu gelangen, wo jetzt phasenweise richtig bissige Steigungen warteten, dachte ich zum ersten Mal ans Aufgeben. Doch anscheinend lagen meine anfänglichen Probleme wohl eher daran, dass ich zu dieser Zeit noch nicht ganz wach und meine Muskeln noch nicht auf Betriebstemperatur waren. Denn je weiter ich ging, um so mehr gewöhnte ich mich an die ungewohnte Situation am Berg zu wandern.

Die Belohnung fürs Durchhalten folgte schon bald, als der Wald durchquert war, führte der Weg auf eine Alm. Kühe säumten den Weg und das Gebimmel ihrer Glocken war weithin hörbar. Einfach eine tolle Szenerie! Was weniger schön war, ist die Tatsache, dass von nun an der Weg fast ausschließlich auf einer Asphaltstraße in die Höhe führte. Zwischendurch mit erneut bissigen Steigungen von jetzt bis zu 24 Prozent. Ich kann mich nicht daran erinnern, zuvor überhaupt mal auch nur ein kurzes Stück mit einer solchen Steigung gegangen zu sein. Erneut kamen die Gedanken ans Aufgeben in mir hoch. Doch irgendwie war jetzt auch mein Ehrgeiz geweckt und ich wollte mehr denn je auf diesen Gipfel.

Bereits am Ortsrand von Hohenaschau wird es steil

Bereits am Ortsrand von Hohenaschau wird es steil

Im Winter dürfte hier die Skipiste ins Tal führen

Im Winter dürfte hier die Skipiste ins Tal führen

Ein traumhaftes Bergpanorama eröffnet sich nach verlassen des Waldes

Ein traumhaftes Bergpanorama eröffnet sich nach Verlassen des Waldes

Kühe säumen jetzt den Weg

Kühe säumen jetzt den Weg

Leider wird der Schotterweg recht bald zur Asphaltpiste

Leider wird der Schotterweg recht bald zur Asphaltpiste

Mit bis zu 24 Prozent Steigung windet sich der Weg nach oben

Mit bis zu 24 Prozent Steigung windet sich der Weg nach oben

Selbst als der Weg direkt an einer bewirtschafteten Hütte vorbei führt, wird jetzt nicht gestoppt. Die Verlockung hier, wo sich ein traumhaftes Panorama bietet, ein kühles Weißbier zu bestellen und die Beine hochzulegen, war zwar groß, doch der Gipfel wäre dann eindeutig nicht mehr machbar gewesen. Stattdessen wurde sich weiter nach oben gekämpft. Über das wohl steilste Stück des gesamten Weges. Ich jedenfalls war inzwischen so kaputt, dass ich zu geschafft war hier meine Kamera aus dem Rucksack zu holen. Entsprechend existieren von diesem Wegstück auch keine Fotos. Wirklich gelohnt hätte es sich eh nicht. Als das Gipfelplateau, auf Höhe der Bergstation der Seilbahn, erreicht war, musste jedoch unbedingt wieder fotografiert werden. Welch ein Anblick und welch ein Gefühl, von oben auf die im Tal liegenden Wolken zu schauen und dabei nicht im Flugzeug zu sitzen. Dabei zu wissen, dass man sich diesen Anblick selbst erarbeitet hat.

Das Gipfelplateau - über den Wolken - ist erreicht

Das Gipfelplateau – über den Wolken – ist erreicht

Fast unwirklich wirkt diese Szenerie

Fast unwirklich wirkt diese Szenerie

Der Gipfel ist von hier zum Greifen nah

Der Gipfel ist von hier zum Greifen nah

Noch eine Stunde bis nach ganz oben

Noch eine Stunde bis nach ganz oben

Auch hier gab es abermals die Verlockung in eine bewirtschaftete Hütte einzukehren, aber der Wegweiser zeigte nur noch eine Stunde bis zum Gipfel an. Der zugleich darauf befindliche Hinweis, dass dort Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erforderlich seien, klang nach Abenteuer, machte mir aber zugleich etwas Sorgen. War beides bei mir gegeben? Wäre es vielleicht doch ein zu großes Risiko nach ganz oben zu steigen? Doch ans Aufgeben wollte ich jetzt einfach nicht mehr denken. Die Vorfreude trieb mich weiter an. Jetzt sogar schneller als zuvor. Denn mit dem Wandern war jetzt Schluss. Ab jetzt hieß es klettern. Teils auf allen Vieren ging es am Fels nach oben. Nicht wirklich schwierig und eine Wohltat für die beim Wandern doch arg geforderte Kondition. Das Klettern forderte diese viel weniger. Schade war nur, dass es mit der Ruhe jetzt auch vorbei war. Während unten am Berg noch die Stille zu genießen war, bahnten sich jetzt sehr viele Menschen den Weg nach oben. Ab der Höhe der Seilbahnstation war es urplötzlich richtig voll geworden. Doch mich störte dies nicht wirklich. Ich genoss es, dass jetzt sogar die ehemals dichte Wolkendecke im Tal aufriss und einen Blick auf den Chiemsee freigab.

Kurz vor dem Gipfel war der Chiemsee zu sehen

Kurz vor dem Gipfel war der Chiemsee zu sehen

Dies war auch der Moment, in dem ich mir zum ersten Mal ganz sicher war, dass ich den Gipfel erreichen würde. Hatte ich in den vergangenen Stunden oft meine Zweifel gehabt und gelegentlich darüber nachgedacht, ob es besser wäre abzubrechen, gab es jetzt keine Zweifel mehr. Das Gipfelkreuz war nur noch wenige Meter über mir. Voller Freude kletterte ich über die letzten Felsen und erreichte eine letzte schwierige Stelle. Einen kleinen exponierten Abhang. Einen Fehltritt  dürfte man sich hier nicht erlauben. Er hätte einen unweigerlichen Absturz zur Folge gehabt. Doch da an dieser Stelle ein Drahtseil hing, an dem man sich festhalten konnte und auch zahlreiche andere Personen diese Stelle unfallfrei meisterten, kletterte ich schließlich auch hindurch und erreichte schließlich den Gipfel. Um genau 13.35 Uhr – also vier Stunden und 10 Minuten nach dem Start in Hohenaschau. Ich war glücklich, saß dort oben und genoss die Aussicht. Meine Waden schmerzten und ich war ziemlich kaputt, doch zugleich wusste ich auch, dass dies erst der Anfang war. Es war ein ziemlicher Kraftakt bis hierher, doch war eine neue Leidenschaft geweckt. Ich wusste in diesem Moment, dass ich solche Erlebnisse öfter haben wollte. Ich musste auf weitere Gipfel!

Der Weg nach oben war steinig

Der Weg nach oben war steinig

Kurz unterhalb des Gipfelkreuzes

Kurz unterhalb des Gipfelkreuzes

Ausblick in Richtung Frasdorf

Ausblick in Richtung Frasdorf

Aschau von oben

Aschau von oben

Ein weiteres Mal der Chiemsee

Ein weiteres Mal der Chiemsee

Blick auf die Alm unterhalb des Gipfels

Blick auf die Steinlingalm unterhalb des Gipfels

Das obligatorische Gipfelfoto

Das obligatorische Gipfelfoto

Bereits auf dem Weg nach unten

Bereits auf dem Weg nach unten

Vorbei an schönen alpinen Blümchen

Vorbei an schönen alpinen Blümchen

Für alle, die lieber bewegte Bilder sehen, habe ich hier noch ein kurzes Video der Tour eingestellt:

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