Langlauf als Anfänger

Thomas Limberg 9. Februar 2015 0

Eigentlich wollte ich schon seit Jahren mal erste Versuche auf Skiern unternehmen. Überfüllte Pisten und Hütten-Halligalli sind jedoch so gar nicht mein Ding. Da ich stattdessen etwas suchte, um die Einsamkeit der Berge auch im Winter erleben zu können, liebäugelte ich schnell mit Tourengehen und Langlaufen. Während relativ schnell klar war, dass Tourengehen nicht unbedingt etwas für Ski-Frischlinge ist, begann ich mich mehr und mehr für den Langlauf zu interessieren. So schwer kann das doch nicht sein, dachte ich mir. Fasziniert schaute ich mir Fotos von Langläufern an und blieb gebannt bei Fernsehübertragungen von dieser Sportart hängen. Ästhetisch und leicht sieht alles aus. Ich wollte es unbedingt probieren und freute mich tierisch darauf, dass sich jetzt endlich die Gelegenheit dazu ergab.

Bei Sport Hochreiter in Inzell bekam ich frisch gewachste Ski

Bei Sport Hochreiter in Inzell bekam ich frisch gewachste Ski

Ich war im Chiemgau unterwegs und wurde allein beim Anblick der Loipen schon ganz kribbelig. Ich wusste, hier war ich richtig. Genau so hatte ich es mir vorgestellt. Wie dort vereinzelt Läufer einsam vor der Kulisse der Berge über den Schnee glitten, zog mich in den Bann. Als Nordlicht, das tatsächlich noch nie eine Loipe in Natura gesehen hatte, wusste ich trotzdem sofort, dass ich so schnell wie möglich Ski brauche und auch auf (oder sagt man in?) die Loipe muss. Ich bekam auch welche und noch einen super Lehrer dazu: Keinen geringeren als Tobias Angerer, der insgesamt vier Medaillen bei olympischen Spielen gewann. Ein echt sympathischer Typ, der mich irgendwie an den Fußballer Thomas Müller erinnert. Die beiden könnten fast Zwillingsbrüder sein und haben auch ziemlich den gleichen Humor.

Erste Versuche gemeinsam mit Tobias Angerer auf der Hemmersuppenalm

Erste Versuche gemeinsam mit Tobias Angerer auf der Hemmersuppenalm

Sich mit den Latten an den Füßen zu bewegen, ist gar nicht so einfach

Sich mit den Latten an den Füßen zu bewegen, ist gar nicht so einfach

Wir hatten unseren Spaß

Wir hatten unseren Spaß

Auch Trockenübungen standen auf dem Programm

Auch Trockenübungen standen auf dem Programm

An meiner Körperhaltung muss ich sicher noch etwas arbeiten

An meiner Körperhaltung muss ich sicher noch etwas arbeiten

Bei den ersten Versuchen wurde immer hin und her gefahren:

volle Distanz: 4129 m
Maximale Höhe: 1259 m
Minimale Höhe: 1182 m
Gesamtanstieg: 138 m

Wir starteten auf der Hemmersuppenalm oberhalb von Reit im Winkl. Die erste Hürde, die sich stellte, war allerdings die Skier an die Füße zu bekommen. Ich musste höllisch aufpassen, dass ich mich nicht bereits beim Versuch die Schuhe in die Bindung einrasten zu lassen, auf die Nase legte. Denn, was mir augenblicklich klar wurde und was ich bisher irgendwie verdrängt hatte, auf Skiern zu stehen ist eine rutschige Angelegenheit. Doch nach mehreren verzweifelten Versuchen, hatte ich beide an den Füßen und mir wurde beim Blick in die Landschaft klar, dass ich jetzt genau das tun konnte, was ich schon lange machen wollte: Vor einer traumhaften Winterkulisse sportlich aktiv werden. Doch dann kam die Ernüchterung. Tobias Angerer machte vor, wie man sich im Skating-Stil fortbewegt und ich versuchte zu folgen. Doch bei mir sah dies weit weniger elegant aus. Statt zu gleiten watschelte ich wie ein Pinguin durch die Gegend. Die hinteren Enden der Skier klatschten dabei immer aneinander, ich rutschte ständig zur Seite weg und hatte allerhand damit zu tun, nicht über mich selbst zu stolpern. Koordiniert die Stöcker einzusetzen, gelang mir so gar nicht und ich fuchtelte damit eher wild in der Luft herum. Um nicht zu stürzen verkrampfte ich automatisch. Die Muskeln begannen zu brennen und ich lag trotz aller Bemühungen mehr im Schnee, als dass ich mich irgendwie fortbewegt hätte. Nach 10 Minuten hatte ich die Nase gestrichen voll. Ich war nass geschwitzt und völlig aus der Puste.

Tobias Angerer zeigte, wie es ein Profi macht

Tobias Angerer zeigte, wie es ein Profi macht

Doch ich war erstaunt, mit welcher Geduld Tobias Angerer immer wieder erklärte, wie der Hase läuft. Irgendwann reichte er mir die Hand und wir fuhren so ein ganzes Stück nebeneinander her. Ja, richtig – wir fuhren. Denn irgendwie war es mir jetzt gelungen nicht zu sehr nachzudenken. Während ich mit Tobias plauderte, achtete ich gar nicht auf meine Skier und machte irgendwie ganz automatisch die passenden Bewegungen. Großartig! Ich kam vorwärts und hatte halbwegs das Gefühl, mich an die ungewohnten Dinger an meinen Füßen gewöhnt zu haben. Als ich dann wieder alleine versuchte mich halbwegs elegant zu bewegen, ging der Blick wieder ganz automatisch prüfend in Richtung Skier und mit der Lockerheit war es vorbei. Trotzdem machte ich langsam Fortschritte. Ich saß nicht mehr ganz so oft auf dem Hintern wie noch zu Beginn. Hatte ich nach den ersten 10 Minuten noch gedacht, dass ich das mit dem Langlauf nie schaffen würde und die Skier am liebsten frustriert in den Wald geworfen, begann es jetzt richtig Spaß zu machen.  Insgesamt rund zwei Stunden dauert mein erster Versuch auf Skiern. Ich war überrascht, wie schwer es doch ist, freute mich aber zugleich, dass man als Anfänger relativ schnell Fortschritte machen kann. Dass ich allerdings noch nicht wirklich bremsen und lenken konnte und fast einen Weidezaun umgefahren hätte, verschweige ich an dieser Stelle lieber.

Steiler als er aussieht ist der Hang an den Schanzen in Reit im Winkl

Steiler als er aussieht ist der Hang an den Schanzen in Reit im Winkl

Hier schneite es wie verrückt

Hier schneite es wie verrückt

Vor der Schanze wurde die Abfahrtstechnik erlernt. Foto: Anja Eder

Vor der Schanze wurde die Abfahrtstechnik erlernt. Foto: Anja Eder

Am nächsten Tag schneite es wie verrückt. An vernünftiges Gleiten in der Loipe wäre eh nicht  zu denken gewesen. Stattdessen sollte ich jetzt Bremsen und Lenken lernen. Wir nutzten den Hang der Skisprungschanzen in Reit im Winkl für erste Versuche. Lustig ist nur, dass ich vor einiger Zeit noch oben auf der Skisprungschanze in Oslo am Holmenkollen stand und mich fragte, wie man so verrückt sein kann und dort herunterfahren. Jetzt stand ich unterhalb einer solchen Schanze, hatte selbst Skier an den Füßen und stellte mir erneut eine ähnliche Frage. Wenngleich der Hügel des Auslaufes der Schanze in Reit im Winkl kein Vergleich zum zum Blick in die Tiefe am Holmenkollen war, bekam ich doch weiche Knie. Bei der ersten Fahrt in der Tiefe knickten meine Knie entsprechend schnell ein und ich landete nach nur wenigen Metern auf dem Hosenboden. Anschließend dann das gleiche Bild, wie bereits am Vortag: In den ersten Minuten dachte ich mir, dass wird nie etwas und ich hätte am liebsten aufgegeben. Doch dann kam erneut recht schnell die Wende. Fortschritte waren deutlich spürbar und es klappte langsam sogar halbwegs mit dem Bremsen und Lenken. Auch wenn ich zwischendurch immer wieder einen unfreiwilligen Salto einlegte, bekam ich langsam ein Gefühl für die Latten an meinen Füßen.

Nachmittags wurde es voll. Zahlreiche Sonntagsausflügler waren unterwegs

Nachmittags wurde es voll. Zahlreiche Sonntagsausflügler waren unterwegs

Die drei Kilometer am Nachmittag waren anstrengend:

volle Distanz: 3056 m
Maximale Höhe: 702 m
Minimale Höhe: 683 m
Gesamtanstieg: 63 m

Am Nachmittag schneite es nicht mehr. Es konnte mit dem neu erworbenen Wissen auf die Loipe gehen. Doch inzwischen fehlte es an Kraft und Kondition. Es war Sonntag und relativ voll. Zu sehen, wie alt und jung scheinbar mühelos an mit vorbeizogen, deprimierte. Der Schnee fühlte sich völlig anders an, als bei den ersten Versuchen und ich kam so gar nicht voran. Da halfen auch die aufmunterndsten Worte des Skilehrers nichts. Meine frische Langlaufkarriere brauchte mal eine Pause und ich beschloss in den kommenden Tagen alleine für mich zu üben. In Oberaudorf erhoffte ich mir dafür perfekte Bedingungen zu finden. Die Loipe sollte direkt vor meiner Unterkunft vorbeiführen und technisch wenig anspruchsvoll sein. Zwei Kilometer relativ flach im Kreis. Doch es schneite wie verrückt. Eine Loipe wurde deshalb zunächst nicht gespurt. Erst, als mein Aufenthalt fast beendet war, hatte ich Glück. Der Schneefall war vorüber und eine Loipe vorhanden. Sofort lieh ich mir Ski und wollte meine letzte Chance nutzen. Der Schnee fühlte sich abermals komplett anders an. Ich kam jedoch relativ gut zurecht. Mir fiel die Koordination zwischen Arm- und Beinarbeit immer noch sehr schwer, doch die erste Runde schaffte ich sogar ohne Sturz. Ich war glücklich und kam zwischenzeitlich sogar halbwegs ins Gleiten.  Jetzt wollte ich eine weitere Runde “richtig” und schnell laufen. Doch irgendwie hatte ich mir da zu viel vorgenommen. Beim Versuch schneller zu laufen, landete ich wieder im Schnee. Auch an Kraft mangelte es inzwischen deutlich und ich dachte schon an den Muskelkater, der sich unweigerlich wieder einstellen würde.

In Oberaudorf ist die Loipe ziemlich genau zwei Kilometer lang:

volle Distanz: 2053 m
Maximale Höhe: 497 m
Minimale Höhe: 481 m
Gesamtanstieg: 22 m

Da sich mein Aufenthalt dem Ende näherte, musste ich meine Langlauf-Versuche für diesen Winter einstellen. Zusammenfassend ist zu sagen, dass Langlauf deutlich anstrengender ist, als ich gedacht hätte. Man macht allerdings dafür recht schnell Fortschritte und bekommt immer wieder einen extra Motivationsschub, wenn es mit dem Lenken, Bremsen oder Gleichgewicht halten voran geht. Würde ich irgendwo wohnen, wo es mir möglich wäre regelmäßig zu trainieren, hätte ich mir sofort eigene Ski gekauft. Da ich aber leider nur selten die Möglichkeit haben werde, verzichte ich vorerst auf eine eigene Ausrüstung. Ich kann es allerdings jetzt schon kaum erwarten, mal wieder irgendwo zu sein, wo ich mir Ski leihen und weitere Versuche unternehmen kann.

Die Loipe in Oberaudorf liegt vor der imposanten Kulisse des Kaisergebirges

Die Loipe in Oberaudorf liegt vor der imposanten Kulisse des Kaisergebirges

Auf der freien Fläche im Hintergrund liegt die Loipe

Auf der freien Fläche im Hintergrund liegt die Loipe

Die Zwei-Kilometer-Runde ist größtenteils flach

Die Zwei-Kilometer-Runde ist größtenteils flach

Ich hatte leider nicht das beste Wetter

Ich hatte leider nicht das beste Wetter

Trotzdem machte die Runde viel Spaß

Trotzdem machte die Runde viel Spaß

Und hier noch ein paar bewegte Bilder von den Langlauf-Übungen:

Zu einem großen Teil dieser Langlauf-Versuche wurde ich vom Chiemgau Tourismus eingeladen.

 

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