Wie es sich anfühlt vor einer Göttin zu knien

Thomas Limberg 6. September 2015 6

Viel hatte ich vor meiner Reise nach Nepal über das Land am Himalaya und seine Traditionen gelesen. Immer wieder tauchte dabei auch eine sogenannte Kumari auf – eine Mädchengöttin, die Hinduisten und einigen Buddhisten als Inkarnation der Göttin Taleju gilt. Nach einer jahrhundertealten Tradition wählen Priester und Astrologen die Kumari aus den Töchtern der buddhistischen Goldschmiedekaste der Newari aus. 32 strenge Kriterien muss ein Mädchen erfüllen, um in den Stand einer Göttin erhoben zu werden. Wohlgestaltete, zarte und geschmeidige Füße, die Schenkel eines Rehs, den Hals einer Muschel, tief im Becken sitzende Geschlechtsorgane, eine feuchte Zunge, die Wimpern einer Kuh, die Wangen einer Löwin und der Körper eines Banyanbaumes werden u. a. verlangt. Kriterien, die ebenso wie die Auswahl und auch der gesamte Kumari-Kult umstritten sind. In der Regel wird ein Mädchen im Alter von 3-4 Jahren ausgewählt und bleibt dann bis zur ersten Menstruation im Stand einer lebenden Göttin. In dieser Zeit lebt sie kein normales Leben. Ihren Palast darf sie nur an besonderen Feiertagen verlassen und den Boden mit ihren Füßen niemals berühren. Auch nach dem Ausscheiden aus dem Amt einer Göttin, können die dann ehemaligen Kumaris nicht wirklich ein normales Leben führen. Für sie fällt die Umstellung schwer. Aufgrund der fehlenden Sozialisation und Bildung ist ihnen vieles fremd. Sie müssen lernen zu lachen und zu plaudern. Kein Nepalese würde eine ehemalige Kumari heiraten. Auf der einen Seite merkte ich, dass dieser Kult eine große Herausforderung an meine eigene Toleranz darstellte, auf der anderen Seite sah ich die um Jahrhunderte zurückreichende Tradition. Der archaische Aspekt faszinierte mich irgendwie und ich hoffte, dass ich die Chance bekommen würde, mit eigenen Augen eine Kumari und ihre Lebensumstände sehen zu können. Entsprechend groß war die Freude, als der Reiseveranstalter Royal Mountain Travel, einen Besuch bei der Kumari von Patan in Aussicht stellte.

Am Eingang zum Haus der lebenden Göttin

Der Innenhof des Kumari-Hauses

Steinerne Statuen vor dem Eingang

Ein kleiner Tempel ist ebenfalls vorhanden

Als wir den Wohnsitz der Kumari erreichen, bin ich etwas überrascht. Es ist alles andere als ein prunkvoller Palast. Ein paar newarische Schnitzereien zieren Fenster und Türen, ein kleiner Tempel und einige Steinfiguren sind im Innenhof zu finden – insgesamt aber alles eher unscheinbar. Kein Vergleich zur prächtigen Architektur auf dem nur wenige Meter entfernten Durbar Square, auf dem sich die alten Königspaläste der Malla Könige befinden. Auch nachdem wir die Tür passieren, über der ein Schild darauf hinweist, dass hier die “Living Goddess” wohnt, ändert sich das Bild nicht. Ganz im Gegenteil. Hier wirkt es ärmlich. Ein kaputtes Sofa, Wände, an denen der Putz abbröckelt, vergilbte Bilder, die kreuz und quer aufgehängt sind. Wäscheleinen, auf denen Kleider zum Trocknen hängen, darunter Fässer mit Reis und abgenutzte Zahnbürsten. Den Wohnsitz einer Göttin habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Dennoch bin ich in gewisser Weise fasziniert und berührt von diesen Einblicken.

Nach Betreten des Hauses

Im Vorraum der Göttin wirkt es unaufgeräumt

Treppenhaus zur Kumari

Über eine steile hölzerne Treppe führt der Weg nach oben. Dann ist es soweit, plötzlich sehe ich die Kumari vor mir. In einem kleinenen Raum, vielleicht 3×4 Meter groß sitzt sie auf einem Thron. Ihre Füße, die den Boden nicht berühren dürfen, ruhen auf einem Tablett. Butterlampen brennen, Opfergaben sind um die lebende Göttin drapiert. Rechts und links stehen ihre Eltern. Ich sehe ein kleines Mädchen, das hellwach aber gelangweilt in den Raum schaut. Acht Jahre alt soll die Kumari sein, lasse ich mir sagen. Irgendwie tut mir das Mädchen leid. Zugleich spüre ich in diesem Raum aber auch eine ganz besondere Aura. Man mag mich sicher für verrückt halten, aber diese so fremdartig anmutende Szenerie hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Das sehe ich auch an meinen Mitreisenden, die alle – wie selbstverständlich – vor der Kumari Knien und mit ergriffener Mine in ihre Richtung schauen. Nach und nach treten wir alle einzeln vor die Kumari, knien uns vor sie und lassen uns von ihr eine Tika – einen roten Punkt auf der Stirn, der als Segenszeichen gilt – geben. Alles läuft lautlos ab, gesprochen wird nicht. Sprechen mit einer Kumari ist nicht gestattet. Selbst ihr in die Augen zu schauen, war einst nur den Königen vorbehalten. Ich habe keine Ahnung, ob nach dem Fall des Königtums in Nepal jetzt überhaupt irgendwer in ihre Augen schauen darf oder nicht. Als ich vor ihr knie und sie mir das Segenszeichen gibt, will ich nicht respektlos erscheinen. Trotzdem wage ich es, vorsichtig zu ihr aufzuschauen und blicke ihr dabei in die Augen. Fast schon teilnahmslos und gelangweilt schaut sie zurück. Ich versuche es mit einem zaghaften Lächeln, das sonst überall in Nepal eine entsprechend positive Gegenreaktion hervorruft, doch hier geschieht nichts. Die Kumari verzieht keine Mine. Die Tradition will es, dass eine Kumari niemals lächelt.

Die Kumari auf ihrem Thron

Die Kumari segnet mich

Die Füße der Kumari dürfen den Boden nicht berühren

Muter und Vater der “Göttin” sind stets anwesend

Die Kumari wirkt gelangweilt

Kurzes Video mit der Kumari

Lesetipp

Göttin auf Zeit

Wer sich für die Geschichte und den Alltag der Kumari interessiert, dem kann ich das Buch “Göttin auf Zeit” wärmstens empfehlen. Hervorragend recherchiert und spannend bis zur letzten Seite zeigt sich das Buch von Gerhard Haase-Hindenberg. Die 417 Seiten bieten einen hervorragenden Einblick in den Kumari Kult und liefern viele überraschende Hintergrundinfos. Mehr Infos zum Buch HIER >>

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6 Kommentare »

  1. Franzi 6. September 2015 at 12:38 - Reply

    “Die Kumari wirkt gelangweilt.” :-) – das trifft es wohl ganz gut auf den Punkt. Echt gruselig, was die da mit den armen Kids anstellen. Aber trotzdem spannend zu lesen! LG Franzi

    • Thomas Limberg 10. September 2015 at 08:09 - Reply

      Danke für deinen Kommentar! Hat mich gefreut :-)
      Liebe Grüße
      Thomas

  2. nicole 7. September 2015 at 05:41 - Reply

    Wahnsinn! Eine sehr beeindruckende Geschichte. Ich wäre warscheinlich auch total hin- und hergerissen. Das arme Kind hat es nicht leicht.
    LG Nicole

    • Thomas Limberg 10. September 2015 at 08:11 - Reply

      Leicht hat es das Kind ganz sicher nicht. Ich kann bis heute noch nicht so ganz sagen was ich davon halten soll.
      Liebe Grüße
      Thomas

  3. Carina 12. September 2015 at 06:55 - Reply

    Toller Beitrag, habe durch Instagram hergefunden und du hast mich wahnsinnig neugierig gemacht. Ich weiß auch nicht recht, was ich davon halte, aber interessant ist es alle mal!

    Liebe Grüße,
    Carina

    • Thomas Limberg 12. September 2015 at 14:42 - Reply

      Hallo Carina,
      schön dass du hierher gefunden hast. Es freut mich, dass dir der Beitrag gefällt. Vielen Dank für das Lob!
      Liebe Grüße
      Thomas

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