Als Zuschauer beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel

Thomas Limberg 2. Februar 2016 2

Arnold Schwarzenegger, Niki Lauda, Andreas Gabalier, Ralf Moeller und Bernie Ecclestone – alle waren sie gekommen. Und ich war auch dabei. Schon lange wollte ich mir mal das legendäre Hahnenkammrennen auf der Streif in Kitzbühel anschauen. Doch wie ist es dort als Zuschauer und wie viel sieht man von den mit über 100 km/h den Hang hinunter bretternden Skifahrern überhaupt? Ich hatte mir für 43 Euro ein Kombiticket der Österreichischen Bundesbahn gekauft, das zur Anreise mit dem Zug und zum Eintritt berechtigt.

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Der Bahnhof Hahnenkamm liegt direkt am Zielbereich der Streif

Ich wollte mir unbedingt einen guten Platz zum Fotografieren sichern und nahm deshalb früh morgens den ersten Zug in Richtung Kitzbühel. Während ich noch im Halbschlaf durch eine traumhaft verschneite und still in sich ruhende Winterlandschaft zum Bahnhof stapfte, durchdrang plötzlich lautes Bassgedröhne die morgendliche Stille.  Ein nicht ganz jugendfreier Text über eine scharfe Nachbarin gesellte sich dazu. Die Geräusche kamen aus einem Gettoblaster, den eine Gruppe von sechs Männern mit sich rumtrug. Zwei von ihnen schleppten eine Kiste Bier und keiner von ihnen schien mehr wirklich nüchtern. Die Blick auf die Uhr verriet allerdings: es war erst kurz nach 6 Uhr. Das kann ja heiter werden, dachte ich mir und stieg in den Zug nach Kufstein, wo ich umsteigen musste. Dort gesellten sich weitere Musikliebhaber dazu. In dem Wagen, in dem ich jetzt saß, mischten sich die Klänge von Andreas Gabaliers Hulapalu mit undefinierbaren Techno-Hämmern und irgendetwas, das an Heino erinnerte. Von winterlicher Bergromantik keine Spur mehr. Ok, das hatte ich auch nicht erwartet, trotzdem war ich froh, als Kitzbühel erreicht war und ich den Zug verlassen konnte. Morgens um kurz nach 8 Uhr war hier schon einiges los. Es schneite wie Teufel, aber durch die Gassen des Städtchens drängten sich bereits reichlich Menschen. Überall dröhnte Musik. Improvisierte Bierbuden vor jedem Geschäft versuchten sich in der Lautstärke gegenseitig zu überbieten. Vom Ballermann war man solche Szenen wie hier ja gewohnt, aber nicht in den Bergen. Ich überlegte kurz, ob ich versuchen sollte mein Ticket zu verkaufen und stattdessen lieber irgendwo auf einen abgelegenen Berg wandern sollte. Doch da ich nun schon mal hier war, wollte ich auch das Rennen auf der Streif sehen.

Als ich in Kitzbühel ankam, schneite es stark

Als ich in Kitzbühel ankam, schneite es stark

Der Trubel in Kitzbühel ging mir zunehmend auf den Keks. Ich begab mich deshalb schon an die Strecke, obwohl bis zum Start noch über 3 Stunden Zeit waren. Zu meiner Überraschung war hier fast nichts los. Ich war fast alleine dort. Ich stand direkt im Zielbereich und mein erster Blick ging den Hang hinauf. Es war immer noch stark am Schneien und etwas Nebel hatte sich ins Tal gelegt, doch das, was ich dort erkennen konnte, beeindruckte. Wahnsinnig steil führte die Streif nach unten. Aus dem Fernsehen wusste ich von früheren Übertragungen, dass es später im Zielraum besonders voll würde. Da sich meine Lust auf betrunkene Feierbiester in Grenzen hielt, entschloss ich mich, mir einen Platz weiter oben an der Strecke zu suchen. Ich stapfte los und geriet bereits nach wenigen Metern ins Schwitzen. Das Gelände war doch arg steil. Je höher ich kam, desto schwieriger wurde es. Ich ärgerte mich, dass ich meine Steigeisen nicht mitgenommen hatte. Ich hatte diese extra nicht eingepackt, weil ich dachte, man dürfe diese bestimmt nicht mitbringen, doch da sollte ich falsch liegen. Was Zuschauer hier alles mitbrachten, wäre in einem Fußballstadion z.B. nicht denkbar. So nahm ich leider auch nichts zu trinken mit, weil auf der Homepage des Hahnenkammrennens ausdrücklich stand, dass dies verboten sei. Als mich jedoch immer mehr Menschen auf dem Weg nach oben mit Picknickkörben, Thermoskannen etc. überholten, ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich nichts dabei hatte. Zumal mir die Zunge vom stetigen nach oben Klettern langsam immer mehr heraushing und es hier keine Getränkebuden mehr gab. Dafür erreichte ich einen schönen Platz am Ausgang der sogenannten Hausbergkante und beschloss, mir das Rennen von dort anzuschauen. Es bot sich ein spektakulärer Blick auf das untere Viertel der Streif mit dem legendären Zielsprung bis hinunter zum Zielraum. Von hier beobachtete ich auch die sogenannte Streckeninspektion, bei der die Athleten vor dem Rennen über die Strecke fahren und die Schlüsselstellen genau in Augenschein nehmen. Die Norweger um den Favoriten Aksel Lund Svindal stoppten dabei auffällig lange an einem Tor direkt vor mir – nicht ohne Grund, wie sich später noch auf tragische Weise zeigen sollte.

Morgens waren kaum Zuschauer unterwegs

Morgens waren kaum Zuschauer unterwegs

Ich wanderte langsam den Hang nach oben

Ich wanderte langsam den Hang nach oben

Die Streif ist allerdings steiler, als es auf den Fotos aussieht

Die Streif ist allerdings steiler, als es auf den Fotos aussieht. Hier besichtigen die Teams die Strecke.

Langsam gewann ich deutlich an Höhe

Langsam gewann ich deutlich an Höhe

Zahlreiche Helfer waren auf der Streif im Einsatz

Zahlreiche Helfer waren auf der Streif im Einsatz

Von oben bot sich ein perfekter Blick auf Kitzbühel

Von oben bot sich ein perfekter Blick auf Kitzbühel

Sogar Krokodile quälten sich den Hang hoch

Sogar Krokodile quälten sich den Hang hoch

Kurz vor dem Start wurde es richtig voll

Kurz vor dem Start wurde es richtig voll

Letzte Vorbereitungen an der Strecke

Letzte Vorbereitungen an der Strecke

Je näher der Start rückte, desto mehr Menschen quälten sich den Hang hinauf. Inzwischen war der Schnee so platt getrampelt, dass er zu blankem Eis geworden war. Kaum einer konnte sich in dem steilen Gelände noch auf den Beinen halten. Der Alkohol tat bei vielen sein Übriges. Und so kam es, wie es kommen musste, ständig kam jemand ins Rutschen, schlitterte ein paar Meter abwärts, bis er irgendwen in die Hacken rutschte, der seine Talfahrt stoppte. Da ich in vorderster Reihe stand, konnte ich mich am Zaun der Streckenbegrenzung festhalten und hatte noch einen halbwegs sicheren Stand. Trotzdem nervte es, dass ständig irgendwer angerutscht kam. Der Start des Rennens wurde inzwischen wegen des Nebels um eine Stunde nach hinten geschoben und das Chaos hier oben immer größer. Kinder lieferten sich Schneeballschlachten und Besoffene schubsten sich gegenseitig, um sich daran zu erfreuen, wie ihre Freunde den Hang hinunterpurzelten. Direkt neben mir, standen zwei richtige Rotzlöffel von vielleicht 7 oder 8 Jahren, die aus Langeweile nichts besseres zu tun hatten, als sich ständig gegenseitig mit Schnee zu bewerfen. Dass dabei ständig was auf meiner Kamera landete, schien auch die Eltern nicht zu stören. “Jetzt reg di net so auf, des san Kinder”, ließ mich die Mutter wissen, als ich sie darum bat, mal etwas darauf zu achten, dass wenigstens nicht alles in Richtung meiner Kamera fliegt. Langsam wurde es mir hier oben zu bunt und der Strom von Menschen, die ihr Promillelevel, welches für sie erträglich war, längst überschritten hatten, riss nicht ab. Immer mehr drängten nach oben. Ich bekam langsam sogar Angst und wollte einfach nur noch weg hier. Ich beschloss, mich wieder in Richtung Ziel zu bewegen, auch wenn es mich tierisch ärgerte, dass ich mich extra hier hoch gekämpft hatte und nun das Rennen nicht von hier sehen konnte. Der Weg nach unten trug nicht dazu bei, meine Laune zu heben. Auf einen Zusammenstoß mit einem ausgerutschten Zuschauer folgte der nächste. Ständig rutschte mir wer in die Beine und brachte mich zu Fall. Als ich endlich in etwas weniger steilem Gelände war, machte ich drei Kreuze. Dafür bretterten jetzt die Hobbyskifahrer zwischen den Zuschauern rum. Viele von ihnen mussten natürlich bei einer solchen Veranstaltung zeigen was sie für tolle Hechte sind und im letzen Moment vor den Zuschauern bremsen, diese als Slalomstangen benutzen etc. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum man unbedingt auf Skiern zu einer Sportveranstalung kommen muss. Entweder ich will selbst Skifahren oder mir ein Skirennen anschauen, aber muss es beides gleichzeitig sein? Bei der Formel 1 kann man doch auch nicht mit seinem tiefergelegten 5er BMW durch die Zuschauerränge rasen und der Welt zeigen, dass man eigentlich der bessere Rennfahrer ist.

Kurz vor dem Start bewegte ich mich wieder etwas nach unten

Kurz vor dem Start bewegte ich mich wieder etwas nach unten

Die überall rumfahrenden Hobbyskifahrer empfand ich als nervig und gefährlich

Die überall rumfahrenden Hobbyskifahrer empfand ich als nervig und gefährlich

Den ersten Starter sah ich dann von etwas weiter unten. Ich stand ungefähr auf halber Höhe zwischen Hausbergkante und Zielsprung und war doch einigermaßen begeistert von dem, was ich sah. Sportler, die absolut am Limit den Berg runterrasten. Obwohl ich die Fahrer von dieser Stelle nur ein kurzes Stück und jeweils nur für wenige Sekunden sehen konnte, war doch deutlich zu erkennen, wer die bessere Linie fuhr und wer das Rennen wie anging. Je mehr Starter kamen, desto besser gefiel es mir hier. Ich machte mich auf den Weg weiter nach unten. Ich wollte das Rennen dann auch noch aus einer anderen Perspektive sehen. Gerade noch im Augenwinkel sah ich dabei, wie ein Athlet an genau der Stelle weiter oben am Hang, genau dort wo ich ursprünglich stand, stürzte. Der Rettungshubschrauber kam angeflogen und musste den Verletzten bergen. Für einen kurzen Moment war sogar die Halligalli-Stimmung unterbrochen. Auf den Videowänden wurde der Sturz wieder und wieder gezeigt. Ein Gefühl, dass hier gerade etwas Schlimmes passiert war, machte sich breit. Und genau das sollte sich in der Folge noch zwei weiter Male wiederholen. Während Georg Streitberger der erste war, der schwer stürzte, erwischte es in der Folge auch Hannes Reichelt, der an gleicher Stelle fast ungebremst in die Fangzäune krachte. Selbst der Favorit Aksel Lund Svindal, der wenige Stunden zuvor bei der Streckenbesichtigung noch an exakt der Stelle lange nach der idealen Linie schaute, stürzt schwer. Spätestens jetzt war es mit der ausgelassenen Stimmung vorbei. Unter den knapp 50.000 Zuschauern herrschte fast schon andächtige Stille. Viele verließen die Strecke und strömten in Massen Richtung Innenstadt. Ich auch. Ich hatte genug gesehen und wollte hier weg, bevor sich alle Zuschauer auf den Weg nach Hause machen. Wer gewonnen hat, schien eh zur Nebensache geworden zu sein. Dass es Peter Fill war, muss ich später im Internet nachschauen. Das habe ich vor Ort eben sowenig mitbekommen, wie dass das Rennen nach 30 Läufern wegen der schlechten Bedingungen abgebrochen wurde. Im Nachhinein bin ich froh, mal live das Hahnenkammrennen gesehen zu haben. Die Athmospähre dort ist – wenngleich absolut nicht mein Fall – sicher eine ganz spezielle. Das Rennen einmal gesehen zu haben, reicht mir aber definitiv. Ein zweites Mal muss ich dort ganz sicher nicht hin.

Als erster kam der Österreicher Otmar Striedinger die Streif hinunter

Als erster kam der Österreicher Otmar Striedinger die Streif hinunter

Der gleiche Sportler beim Zielsprung

Der gleiche Sportler beim Zielsprung

Viele Zuschauer hatten Probleme sich auf den Beinen zu halten

Viele Zuschauer hatten Probleme sich auf den Beinen zu halten

Im Zielbereich war es richtig voll

Im Zielbereich war es richtig voll

Der Rettungshubschrauber musste leider recht oft starten

Der Rettungshubschrauber musste leider recht oft starten

Im Zielbereich des Slaloms, der einen Tag später stattfand war unterdessen fast nichts los

Im Zielbereich des Slaloms, der einen Tag später stattfand war unterdessen fast nichts los

Ursprünglich hatte ich an dieser Stelle auf den Start des Rennens gewartet

Ursprünglich hatte ich an dieser Stelle auf den Start des Rennens gewartet

Unter den Zuschauern waren auffällig viele Schweizer

Unter den Zuschauern waren auffällig viele Schweizer

Peter Fill gewann das Rennen

Peter Fill gewann das Rennen

Viele Zuschauer machten fleißig Selfies

Viele Zuschauer machten fleißig Selfies

Selfies ohne Ende wurden geschossen

Selfies ohne Ende wurden geschossen

Andere Zuschauer hatten Spaß daran sich gegenseitig den Berg runter zu werfen

Andere Zuschauer hatten Spaß daran sich gegenseitig den Berg runter zu werfen

Suchbild mit Arnold Schwarzenegger und Ralf Moeller

Suchbild mit Arnold Schwarzenegger und Ralf Moeller

Die Traverse nach der Hausbergkante

Die Traverse nach der Hausbergkante

Immer wieder musste der Rettungshubschrauber starten

Immer wieder musste der Rettungshubschrauber starten

Im Publikum wurde es nach den Stürzen sehr ruhig

Im Publikum wurde es nach den Stürzen sehr ruhig

Der Franzose Adrien Theaux im Ziel. Dahinter in der rosa Jacke Maria Höfl-Riesch

Der Franzose Adrien Theaux im Ziel. Dahinter in der rosa Jacke Maria Höfl-Riesch

Viele Zuschauer machten sich vorzeitig auf den Weg nach Hause

Viele Zuschauer machten sich vorzeitig auf den Weg nach Hause

Der untere Teil der Streif mit dem Zielsprung

Der untere Teil der Streif mit dem Zielsprung

Mein Video von der Streif

Ich habe zwischendurch mal versucht einige bewegte Bilder von der Streif mit dem Handy einzufangen. Hier das Ergebnis:

YouTube-Videos von der Streif

Vieles habe ich vor Ort nur am Rande mitbekommen bzw. wollte ich mir hinterher noch einmal genauer anschauen. Gut dass es Fernsehen bzw. YouTube gibt. Hier sind die interessantesten Videos, die ich zum Hahnenkammrennen 2016 gefunden habe:

360 Grad Video von der Streif

Bei YouTube habe ich auch ein 360 Grad Video von der Streif gefunden. Wer sich das Video am Computer anschaut, kann während des laufenden Clips die Perspektive per Mauszeiger verschieben. Wer das Video auf einem mobilen Gerät betrachtet, muss es einfach entsprechend neigen, um den Blickwinkel zu verändern.

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2 Kommentare »

  1. conny 14. März 2016 at 18:24 - Reply

    Dein Bericht von der Streif klang ja leider nicht so prächtig wie du wahrscheinlich erwartest hattest und dann noch die schweren Stürze der Teilnehmer. Ohje.
    Das wäre jetzt auch nichts für mich gewesen. Trotzdem interessant zu lesen. Dafür ein Danke an dich, dass du vor Ort warst und darüber berichtet hast :)

    Sonnige Grüße
    Conny

    • Thomas Limberg 15. März 2016 at 10:06 - Reply

      Hallo Conny,
      danke für den Kommentar!
      Ja, es stimmt, es war schon etwas komisch dort, aber ich bin froh, dass ich das “Spektakel” dort mal live erlebt habe.
      Schöne Grüße
      Thomas

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