Lebendige Geschichte im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven

Museumsbesucher und Wachsfiguren verschwimmen quasi zu einer Einheit

Geschichte begeistert mich. Egal ob die alten Römer, ob Ägypter oder gar Neandertaler – ich finde es enorm spannend auf den Spuren von damals zu wandeln. Wie mag es gewesen sein, als in den Arenen des Römischen Reiches die Gladiatoren gegeneinander antraten oder als mitten in der Wüste die Pyramiden entstanden? Stundenlang könnte ich mich mit diesen und weiteren Fragen aus längst vergangenen Tagen beschäftigen. Entsprechend gut gefüllt ist mein Bücherregal. Mit einer Ausnahme – die neuere Deutsche Geschichte. Als eher langweilig und uninteressant habe ich bisher vor allem die Geschichte der Auswanderer ausgeklammert. Warum das so ist, frage ich mich besonders, nachdem ich in Bremerhaven im Deutschen Auswandererhaus gewesen bin. Selten bin ich mit so wenig Erwartungen in ein Museum gegangen und selten habe ich mit so viel Begeisterung für die dort dargestellten Themen anschließend ein Museum verlassen.

Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven
Das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven

Parallelen zur Titanic

Doch der Reihe nach. Das Museum ist das einzige in Deutschland, das sich vollständig dem Thema Migration widmet. Ein Schwerpunkt ist die Auswanderung Deutscher in die USA. Das wird direkt beim Betreten des Museums spürbar. Der Besucher steht plötzlich in einem nachgebauten Hafen vor der riesigen Wand eines Ozeandampfers. Lebensecht wirkende Wachsfiguren stehen davor. Der Blick in ihre Gesichter stimmt nachdenklich. Unweigerlich fühlt man sich, als wäre man vor knapp 100 Jahren dabei gewesen, als Millionen Menschen Deutschland in Bremerhaven via Schiff verließen. Die in ein dämmriges Licht getauchte Szenerie tut ihr Übriges. Man kann zwischen den Figuren umherlaufen. Museumsbesucher und Kulisse verschwimmen zu einer Einheit. Ich hatte ein staubtrockenes Thema erwartet und stehe plötzlich staunend und mit offenem Mund mitten im Raum. Während mein Blick entlang des Schiffsrumpfes wandert und immer wieder bei den Figuren in ihren historischen Kostümen hängenbleibt, erinnert mich die Szenerie für einen kurzen Augenblick an die Titanic. Die Epoche ist die gleiche, doch ist die Geschichte letztendlich eine ganz andere, wenngleich auch unter den Auswanderern viele Dramen abgespielt haben mögen.

Lebensecht wirkt die Szenerie an der Kaimauer
Lebensecht wirkt die Szenerie an der Kaimauer
Museumsbesucher und Wachsfiguren verschwimmen quasi zu einer Einheit
Museumsbesucher und Wachsfiguren verschwimmen quasi zu einer Einheit

In der „Galerie der sieben Millionen“

Dieser eine Raum hat gereicht, um mich schlagartig für das Thema zu begeistern. Mit seiner Lebendigkeit und den ausdrucksstarken Figuren hat er mich derart mitgenommen, dass ich unbedingt mehr über das Thema Auswanderung erfahren möchte. Erwartungsvoll setze ich meinen Rundgang durch das Museum fort und lande in der „Galerie der sieben Millionen“. Der Raum ist eine Hommage an jeden Einzelnen, der über sieben Millionen Auswanderer, die über Bremerhaven in ein neues Leben aufbrachen. Eine unfassbare Menge an Schubladen befindet sich hier. Jede steht für einen Auswanderer. Viele lassen sich öffnen. Zum Vorschein kommen interessante Fakten über die jeweiligen Personen, über ihre Beweggründe für die Auswanderung und vieles mehr. Stundenlang könnte ich hier stöbern und nach interessanten Geschichten suchen.

In der "Galerie der sieben Millionen" im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven lassen sich zahlreiche Schubladen öffnen
In der „Galerie der sieben Millionen“ lassen sich zahlreiche Schubladen öffnen

Unterwegs in den Räumen der „Columbus“

Doch ich will mehr vom Museum sehen. Der Weg führt abermals zur Kaimauer und dann an einer Rampe hinauf zum Schiff. Es fühlt sich an, als würde man tatsächlich den gleichen Gang gehen, den damals die Millionen gegangen sind. Dass das Schiff kein echtes ist und nur einige Räume der „Columbus“ nachgebaut wurden, ist kaum spürbar. Vor den Bullaugen schwappen die Wellen sanft hin und her und einige Besucher fragen sich gegenseitig ob sie auch spüren, dass sich hier der Boden bewegt. Ich habe erneut mein kleines Titanic-Déjà-vu. Natürlich bin ich damit hier wieder völlig fehl am Platze, dennoch schreite ich begeistert durch die liebevoll nachgebildeten Räume der Columbus. Ich schaue mir u.a. den Schlafsaal der Dritten Klasse an, wandel durch den Speisesaal der ersten Klasse und besuche auch noch die nachgebildeten Räume eines Seglers aus dem Jahre 1850. Während Auswanderung heute größtenteils per Flugzeug läuft, ist es eigentlich kaum noch vorstellbar, dass man damals tagelang unter Deck eines Segelschiffes hausen musste, bis man den Atlantik überquert hatte.

Nachbildungen der Columbus und eines alten Segelschiffes
Nachbildungen der Columbus und eines alten Segelschiffes
So ähnlich soll es in den Schlafsälen der 3. Klasse auf der Columbus ausgesehen haben
So ähnlich soll es in den Schlafsälen der 3. Klasse auf der Columbus ausgesehen haben
Als Museumsbesucher im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven kann man völlig in die Thematik eintauchen
Als Museumsbesucher kann man völlig in die Thematik eintauchen

Einreisetest bestanden?

Apropos Atlantik – Wie es mit den Auswanderern auf der anderen Seite des „großen Teiches“ weiterging, erzählt das Auswandererhaus ebenso anschaulich wie beeindruckend. Zunächst wird der Besucher in eine Nachbildung der Einwanderungsstation Ellis Island vor New York geführt. Zwischen 1892 und 1954 wanderten hier mehr als 16 Millionen Menschen in die USA ein. Dass dieser Schritt nicht immer einfach war, davon zeugen im Museum viele Dokumente und ein Einreisetest, in dem Besucher sich ins Jahr 1907 zurückversetzen können und schauen, ob sie damals ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten hätten einreisen dürfen. Wer ins Land durfte, fand sich wenig später häufig – so wie auch der Museumsbesucher – in New York wieder. Das Einwandererhaus hat in Bremerhaven einen Teil der Grand Central Station nachgebaut. An den Fahrkartenschaltern finden sich unendlich viele liebevoll arrangierte Erinnerungsstücke, die von Erfolgen und Misserfolgen deutscher Einwanderer erzählen.

Das Auswandererhaus hat die New Yorker Central Station in Bremerhaven nachgebildet
Das Auswandererhaus hat die New Yorker Central Station in Bremerhaven nachgebildet

Als die „Bild“ noch 20 Pfennig kostete

Während ich zu diesem Zeitpunkt bereits Feuer und Flamme für die Auswanderungsthematik bin, werde ich anschließend ein weiteres Mal positiv überrascht. Das Museum stellt nämlich nicht nur die Auswanderung aus Deutschland, sondern auch die Einwanderung nach Deutschland perfekt dar. So finde ich mich plötzlich vor einem Zeitungskiosk aus dem Jahre 1973 wieder. Alles ist so dekoriert wie damals. Mein Blick fällt auf die Bildzeitung. 20 Pfennig kostete diese damals. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet ein Kiosk von 1973 nachgebildet wurde, denn beim genaueren Blick in die „Bild“ vom 24.11.73 lese ich die Schlagzeile: „Grenzen zu für Gastarbeiter“. Es ist der Tag nach dem Anwerbestopp ausländischer Arbeitskräfte in Deutschland. Weitere Kulissen aus der gleichen Zeit begleiten mich auf dem weiteren Gang durch das Museum. Liebevoll wurden z. B. ein Friseursalon, ein Reisebüro, ein Fotoladen und ein Kaufhaus rekonstruiert. Überall lassen sich Spuren von Einwanderern entdecken.

Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven - So sah ein Kiosk im Jahre 1973 aus
So sah ein Kiosk im Jahre 1973 aus
Auch in diesem Fotoladen und in diesem Kaufhaus lässt sich eine Zeitreise erleben
Auch in diesem Fotoladen und in diesem Kaufhaus lässt sich eine Zeitreise erleben

Zeit für Familienrecherche

Theoretisch hätte ich im Auswandererhaus auch noch auf Spurensuche in der eigenen Vergangenheit gehen können. Das Museum hält einen Raum für Familienrecherche breit. Sollten die eigenen Vorfahren einst ausgewandert sein, ist es gut möglich, dass man hier mehr darüber erfährt. Leider hatte ich dafür nicht mehr genügend Zeit. Ich habe mich dann doch zu lange an all den ungewöhlich lebendigen Kulissen aufgehalten und mich von der Geschichte der Auswanderer fesseln lassen. Dass ich mich derartig dafür begeistern kann, hätte ich im Vorfeld des Besuches niemals für möglich gehalten. Ein Museum, das derart den Hebel umlegen kann, habe ich bisher eher selten gesehen. Dafür beide Daumen nach oben!

Im Deutschen Auswandererhaus in Bremerhaven kann man nach den eigenen Vorfahren suchen
Hier kann man nach den eigenen Vorfahren suchen

Offenlegung: Zum Museumsbesuch wurde ich von der Erlebnis Bremerhaven GmbH und vom Deutschen Auswandererhaus eingeladen.

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Thomas Limberg

Ob Nordpol, Himalaya oder der Zoo um die Ecke. Immer wenn ich unterwegs sein und Neues entdecken kann, bin ich am glücklichsten. In diesem Blog nehme ich Dich seit 2010 mit auf meine Städtereisen, Roadtrips, Wander-Abenteuer und zu vielem mehr.

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