In Tuktoyaktuk sind alle Straßen Sackgassen

osnapicture 15. Dezember 2010 0

Ungewöhnliche Orte habe ich viele besucht. Zu den mit Abstand ausgefallensten gehört aber auf jeden Fall das kleine Dörfchen Tuktoyaktuk. Es soll der nördlichste Ort des kanadischen Festlandes sein, aber ein Blick auf die folgende Karte verrät, Tuktoyaktuk ist vielmehr eine Art Insel mitten im Nirgendwo.


Größere Kartenansicht

Einen guten Eindruck, wie ungewöhnlich diese Inuit-Dorf am Rande des Polarmeeres ist, zeigt das folgende Video, das ich bei YouTube gefunden habe. Auch ich habe meine Reise dorthin so erlebt. Von Inuvik bin ich mit einem kleinen Flugzeug nach Tuktoyaktuk geflogen, das im Sommer nur aus der Luft oder mit dem Schiff zu erreichen ist.

Im Emsland Kurier habe ich vor einiger Zeit einen Artikel über Tuktoyaktuk veröffentlicht. Dieser ist nachfolgend auch hier zu lesen:

Das Ende der Welt. Jenseits von Tuktoyaktuk gibt es nichts – mit Ausnahme des Nordpols.

Zeit ist in der Arktis ein dehnbarer Begriff. Im nördlichsten Dorf des kanadischen Festlandes haben die knapp 900 Einwohner jede Menge davon. Auf den ersten Blick erscheint Tuktoyaktuk, was in der Sprache der Inuit „sieht aus wie ein großes Karibu“ bedeutet, wie das sprichwörtliche Ende der Welt. Viel gibt es hier nicht. Eine holperige Schotterpiste, auf der dann und wann ein kleines Flugzeug landet, ein in die Jahre gekommenenes Flughafenterminal, von dem allmählich die blaue Farbe dem Rost weicht, dazu ein malerisches Hafenbecken, das nur einen paar kleinen Kuttern Platz bietet und einige, längst nicht mehr genutzte Radaranlagen der US-Amerikaner. Relikte aus der Zeit des kalten Krieges. Dazu eine Handvoll Öl- und Gas-Firmen, die nach satten Gewinnen durch große Rohstoffvorkommen unter dem arktischen Eis streben, einen Polizeiposten mit vier selten genutzten Gefängniszellen und einen Friedhof, auf dem jede Beerdigung im meterdicken Permafrostboden mittels Presslufthammer zum stundenlangen Kraftakt wird. Nicht zu vergessen natürlich ein Hotel, das bei keinem Bewertungsportal im Internet geführt wird und ohnehin dort nicht auf Höchstnoten hoffen könnte. Trotz alledem stiegen in der improvisiert erscheinenden Bretterbude schon Weltstars wie Metallica oder Courtney Love ab, die einst am wohl ungewöhnlichsten Ort der Welt für ein Rockkonzert das Eis der Arktis ein wenig zum Schmelzen brachten.

Perfekt an das Leben in der Arktis angepasst – Die Häuser in Tuktoyaktuk stehen auf Stelzen.

Ansonsten ist es hier ruhig – sehr ruhig. Ganze vier Straßen führen durch Tuktoyaktuk, sie alle sind Sackgassen und enden abrupt an der Beaufortsee – dem Polarmeer, auf dem selbst im Sommer so mancher Eisberg von der Größe einer kleinen Ferieninsel treibt und dann und wann ein Wal eine Wasserfontäne in den Himmel schießt. Im Winter, dann wenn Tag und Nacht Dunkelheit herrscht, gibt es eine fünfte Straße. Eine Straße auf dem zugefrorenen Flussarm des Mackenzie- River, die über 180 km bis in die nächste nennenswerte Stadt führt. Wobei fraglich ist, ob Inuvik mit seinen etwas über 3400 Einwohnern das Attribut Stadt verdient hat.

Das kleine Dorf mit den charakteristischen Pingos ist im Sommer nur mit dem Flugzeug zu erreichen.

Fast könnte der Eindruck entstehen, hier oben – nur knapp unterhalb des 70 Breitengrades – würde gähnende Langeweile herrschen. Doch obwohl in Tuk, wie es von den Einwohnern liebevoll genannt wird, nicht der Bär steppt – sieht man einmal von den Eisbären ab, die im Winter durch den Ort streifen – ist die Realität eine andere. Auf einer gemeinsamen Reise mit den Schauspielerinnen Andrea Lüdke und Gerit Kling konnten wir uns davon überzeugen. Während Lüdke vor allem als Polizistin im Großstadtrevier von sich Reden machte, überzeugte Kling u. a. in der TV-Serie „Notruf Hafenkante“. Mit Städten am Wasser kennen sich also beide bestens aus.

Die Schauspielerinnen Gerit Kling und Andrea Lüdke sind von Tuktoyaktuk begeistert.

Dass Hafenstadt nicht gleich Hafenstadt ist und Hamburg sich um Welten von Tuktoyaktuk unterscheidet, zeigt sich schon auf dem 40-minütigen Flug von Inuvik über die menschenleere Tundralanschaft bis an den Rand des Arktischen Ozeans. In geringer Höhe führt der Weg über das imposante Delta des gewaltigen Mackenzie- Stroms. Abertausende Kanäle durchziehen die sattgrünen Sumpfwiesen kurz vor Tuktoyaktuk, und immer wieder tauchen inmitten der platten Landschaft seltsame Hügel auf. Trotz eines hervorragenden schauspielerischen Talents gelingt es den beiden Promis an Bord nicht, die Begeisterung zu überspielen. Mit offenem Mund zücken sie wieder und wieder ihre Kamera und zielen damit auf die seltsamen Erhebungen. Hügel, die es nur in der Arktis gibt und deren Entstehungsgeschichte niemand hundertprozentig erklären kann.

Aus den Flugzeugfestern ergeben sich phantastische Ausblicke.

Gerüchte machen an Bord die Runde, die sogenannten Pingos würden durch den schmelzenden Permafrostboden in die Höhe gedrückt. „Man könnte hier Star Wars drehen“, stellt Kling, kurz bevor die kleine Propellermaschine auf der staubigen Piste des James Gruben Airports aufsetzt, fest. Recht hat sie. Die Landschaft wirkt ebenso wie der Flughafen und alle anderen Häuser in diesem Ort wie von einer anderen Welt. Die kleinen Holzhütten stehen zum Schutz vor den Permafrostboden auf Stelzen.

Ein Pingo in Tuktoyaktuk.

In eine sind wir eingeladen. Winnie Gruben hat für uns gekocht. Es gibt getrockneten Salzfisch, Cranberry-Konfitüre und Inuit-Donuts. Keine Supermarktware. Dass der Mensch ein Jäger und Sammler ist, wird hier noch deutlich sichtbar. Die Ureinwohner dürfen jagen, was und wieviel sie benötigen. Rund 40 Belugawale werden pro Jahr erlegt. Dazu viele Fische, Robben, Karibus, Elche und Gänse. Kein Tier wird unnötig getötet – das verbietet die Eskimotradition. Alle Teile der Jagdbeute werden verwertet. Ob Fleisch und Innereien als Nahrung, Fell als Kleidung oder Knochen als Schmuck, auf dem Müll landet hier nichts. Wie geschickt die Inuvialuit, wie sich die Eskimos in der westlichen Arktis der Northwest Territories nennen, in der Verarbeitung sind, wird schnell klar, als Gruben uns einen Blick in ihren Kleiderschrank gewährt. Kunstvoll gefertigte Jacken, Mäntel und Mützen faszinieren nicht nur die beiden deutschen Schauspielerinnen. Die traditionelle Kleidung sieht nicht nur gut aus, sie schützt auch im Winter perfekt vor den eisigen Temperaturen, die in Tuktuyaktuk oft bis an die 50 Grad unter Null reichen.

Winnie Gruben (Mitte) zeigt die traditionelle Inuit-Kleidung.

Bis 10 Meter unter die arktische Erde reicht der gemeinsame Dorfkühlschrank. Eine vereiste Leiter führt hinab in ein unterirdisches Labyrinth von 20 Kammern, in denen Gruben und ihre Nachbarn die Jagdbeute lagern. „Durch den Permafrostboden bleibt es dort unten immer gefroren“, berichtet Gruben. In den von glitzernden Eiskristallen besetzten Erdgewölben sind im Schein der Taschenlampe Karibuhälften und Schneegänse auszumachen, dazu einige gestapelte Tüten und Fässer mit Walfett. Wieder an der Oberfläche darf gekostet werden. Auf dem Speiseplan stehen Muktuk und Karibu. Beides nach traditioneller Eskimoart roh. Ersteres, die eingesäuerte Walhaut, verbreitet einen für Mitteleuropäer nur schwer zu ertragenden Geruch, der sämtlichen Appetit in Windeseile verfliegen lässt. Letzteres, das kleine Rentier-Steak, riecht schon vertrauter. Ein Renner in Europa dürfte die Roh-Version mit einer Marinade aus Walfett trotzdem nicht werden.

Bis 10 Meter unter die arktische Erde reicht der gemeinsame Dorfkühlschrank.

Eine Erfindung haben die Einwohner von Tuktoyaktuk allerdings gemacht, die auch bei Europäern bestens ankommt: Jedem, der Touristen, die ihren Fuß ins selten über vier Grad warme Polarmeer halten, bekommen ein Diplom ausgehändigt. Im schmucken Rahmen weist es den Besitzer als Mitglied im „Arctic Ocean Toe Dipping Club“ aus. Jenem Club, den Leute angehören, die sich vielleicht nicht getraut haben vom Muktuk zu kosten, dafür aber ihren Zeh ins kalte Eiswasser gesteckt haben.

In Tuktoyaktuk geht es ruhig und beschaulich zu. Auch die Fischer haben immer Zeit für einen netten Plausch.

In Tuktoyaktuk geht es ruhig und beschaulich zu. Auch die Fischer haben immer Zeit für einen netten Plausch.

Wer sich für weitere Artikel über Kanada interessiert, findet unter folgendem Link alles, was ich bisher über dieses Land geschrieben habe: www.osnapicture.de/tag/kanada/



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