Ein Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald

„Jedem das Seine“ steht auf dem Tor, durch das ich das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald betrete. Für einen Moment schaue ich einfach nur den vor mir liegenden Hang hinab, auf dem einst Barracke an Barracke stand und auf dem sich unmenschliche Szenen abgespielt haben. Augenblicklich fühle ich mich an meinen Besuch in Auschwitz erinnert. Hier gibt es viele Parallelen. Wachtürme sind zu sehen, Stacheldraht, weiter rechts ein Gebäude, das durch seinen charakteristischen Kamin seine ehemalige Bestimmung verrät – das Krematorium.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald

Buchenwald war eines der größten Konzentrationslager auf deutschem Boden. Zwischen 1937 und 1945 waren hier über einer Viertelmillion Menschen inhaftiert. Rund 56.000 Menschen sollen im Lager gestorben sein. Heute ist das Gelände eine Gedenkstätte. Als ich am frühen Morgen das Gelände besuche, ist niemand unterwegs. Es herrscht Totenstille. Dabei fällt es schwer sich vorzustellen, welch düstere Szenen hier einst geschehen sind. Paradoxerweise könnte man diesen Ort heute sogar schön finden, wüsste man nicht um die grauenvolle Geschichte. Ich genieße die wärmenden Sonnenstrahlen der Herbstsonne, erfreue mich an den bunten Blättern der umliegenden Wälder und ertappe mich dabei, wie ich mich gleichzeitig dafür schäme. Darf ich mich freuen? An einem Ort, an dem es keine Freude gab, an dem das Leid unvorstellbar war.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald

Meine Gedanken fahren Achterbahn. Ich bin froh nicht ganz alleine hier zu sein. Wir sind zu zweit und laufen langsam den Hang hinab. Wenngleich uns oft die Worte fehlen, sind die wenigen, die wir finden eine wahre Wohltat. Sie durchbrechen die Stille, die mir hier mehr und mehr unerträglich wird. Desto weiter wir ins ehemalige Lager vorstoßen, desto weniger kann ich mich an irgendetwas erfreuen. Selbst der schönste Herbsttag hilf da nicht mehr. Wir kommen vorbei an zahlreichen Fundamenten, die davon zeugen, dass hier einst viele Barracken standen. Gedenktafeln am Wegesrand klären über ihre einstige Bestimmung auf.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald

Wir kommen durch das sogenannte Judenlager, durch das Quarantänelager und vorbei am ehemaligen Häftlingskrankenbau, in dem Häftlinge von Häftlingen notdürftig behandelt wurden, in dem aber auch die SS-Ärzte Massenmord per Giftspritze begingen. Ein Hinweisschild macht ebenso auf den Standort eines Lagerbordells aufmerksam. Einst wurden hier weibliche Häftlinge zu Prostitution gezwungen. Schweigend laufe ich durch das bewaldete Gelände und frage mich, was eigentlich Menschen zu solchen Taten treibt.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald Stacheldraht Zaun

Gelang es mir bisher noch halbwegs die Fassung zu bewahren, ist es im hinteren Teil des Lagers damit fast vorbei. Auf einer Infotafel  lese ich etwas über den sogenannten Kinderblock. Dieser wurde hier, als zum Kriegsende immer mehr Menschen aus dem Osten von der SS nach Buchenwald gebracht wurden, geschaffen, um die steigende Zahl der Kinder und Jugendlichen unterzubringen. Daneben steht heute ein Korb aus Draht, in dem sich alte Schuhe befinden. Keine Infotafel verrät etwas über die Schuhe. Ich mache mir meine eigenen Gedanken. Wem mögen die Schuhe gehört haben? Als ich sehe, dass auch Schuhe in Kindergröße dabei sind, würde ich am liebsten anfangen zu weinen.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald Schuhe

Das Leid bekommt für mich mit den Schuhen etwas ganz Persönliches. Mir tuen ihre ehemaligen Besitzer so unendlich leid. Ich kann heute hier frei durch das Lager gehen. Wie mag es den Kindern gegangen sein, denen diese Schuhe gehörten? Darüber nachzudenken überfordert mich. War ich erst noch froh in Begleitung unterwegs zu sein, will ich jetzt am liebsten nur noch alleine sein. Als wäre es eine Art Schutzschild, schiebe ich mir meine Kamera vors Gesicht und schieße Foto um Foto. Nur so versteckt und abgelenkt gelingt es mir, nicht an der Frage nach dem Schicksal der Schuh-Besitzer zu verzweifeln.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald

Unser anschließender Besuch in der ehemaligen Effektenkammer, in der heute eine Ausstellung zur Geschichte des Konzentrationslagers untergebracht ist, fällt kurz aus. Ich fühle mich kaum in der Lage mich mit den Ausstellungsstücken, unter denen sich auch persönliche Dinge ehemaliger Häftlinge befinden, auseinanderzusetzen.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald Stacheldraht Zaun

Ähnlich verhält es sich im Krematorium. Die Verbrennungsöfen sind hier erhalten, ein Sezierraum und eine Pathologie, in der Goldzähne herausgebrochen wurden ebenfalls. Dazu eine perverse Genickschussanlage, eine Leichenhalle und ein düsterer Kellerraum mit Wandhaken, an denen viele Häftlinge erdrosselt wurden. Hier ist es ganz still, kein Geräusch ist zu hören. Eine Stille, die kaum zu ertragen ist, wenn man sich versucht vorzustellen, welche qualvollen Schreie hier einst ausgestoßen worden sein müssen. Mich erinnert der Besuch in diesem Keller an die Gaskammern in Auschwitz. Auch dort habe ich diese unerträgliche Stille gespürt. Für einen kurzen Augenblick bleibe ich allein. Ich komme mir hilflos vor, frage mich, was man hier jetzt tut. Obwohl ich nicht gläubig bin, überlege ich zu beten.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald Krematorium

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald

Die ganze Abscheulichkeit der Konzentrationslager zeigt sich, als wir aus dem Krematorium hinauskommen. Der Blick fällt von hier auf eine nur wenige Meter entfernte Anlage außerhalb des Lagerzauns. Es sind die Überreste der Bärenanlage des SS-Zoos, den sich Hitlers Schergen seinerzeit zur Belustigung unterhielten, während nebenan die Menschen umgebracht wurden.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald Krematorium Zoo

So zum Beispiel im Torgebäude mit seinem Wachturm. Im Inneren befinden sich Arrestzellen. In dieser Mord- und Folterstätte wurden Häftlinge arrestiert, um sie zu bestrafen oder aus ihnen Geständnisse herauszupressen. Wer die Verfilmung des Bestsellers „Nackt unter Wölfen“ von Bruno Apitz gesehen hat, wird hier an einige der grausamsten Szenen erinnert, die sich im sogenannten Bunker abgespielt haben. Ich verspüre den Drang hier möglichst schnell wieder raus zu gehen.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald Stacheldraht Zaun

Als ich dann wieder vor dem Tor stehe, „Jedem das Seine“ lese und die Gedenkstätte verlasse, bin ich erleichtert und zugleich traurig. Ich freue mich, dass ich heute in einem Land lebe, in dem ich tun und lassen kann, was ich möchte. Ich freue mich, einfach so an der Seite einer Freundin durch das Lagertor gehen zu können. Gleichzeitig muss ich aber auch an die unvorstellbare Masse an Menschen denken, denen genau das nicht möglich war. Menschen, die von ihren Familien und Freunden getrennt wurden; Menschen, die grundlos ins Lager gesteckt wurden; Menschen, die gefoltert und ermordet wurden; Menschen, deren größter Traum es in ihren letzten Tagen vielleicht war, durch dieses Tor zurück zu ihren Liebsten zu gehen. Manchmal begreife ich erst in solchen Momenten, wie gut es uns heute geht.

Gedenkstätte Konzentrationslager Buchenwald

Tipps zum Besuch der Gedenkstätte

Buchenwald liegt rund 20 Minuten von Weimar entfernt. Von dort fahren stündlich Busse zur Gedenkstätte. Der Eintritt ist frei. Über Öffnungszeiten und die Geschichte des Lagers informiert die Seite www.buchenwald.de.

Buch- und Filmtipps zum Thema Buchenwald

Für mich persönlich ist der Film „Nackt unter Wölfen“ nach dem gleichnamigen Bestseller von Bruno Apitz eine der eindrucksvollsten Verfilmungen zum Thema Buchenwald. Darin wird die Geschichte eines 3-jährigen Jungen erzählt, der von Häftlingen unter höchster Lebensgefahr vor der SS im Lager versteckt wird. Wenngleich der Film nicht am Originalschauplatz gedreht wurde, lässt sich darin gut erahnen, wie es damals im Lager zugegangen sein muss.

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  • Universum Film (02.04.2015)
  • DVD, Ages 12 and over
  • Laufzeit: 104 Minuten
  • Florian Stetter, Peter Schneider, Sylvester Groth, Sabin Tambrea, Robert Gallinowski
  • Deutsch

Der „Roman eines Schicksallosen“ des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész ist quasi ein Muss für jeden, der sich mit der Geschichte des Holocaust und von Buchenwald beschäftigt. Der Autor beschreibt darin die Geschichte eines 15-jährigen Jungen im Ungarn des Zweiten Weltkrieges und die anschließende Deportation in die Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald sowie den dortigen Lageralltag.

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  • Imre Kertész
  • Herausgeber: Rowohlt Taschenbuch Verlag
  • Auflage Nr. 31 (01.10.1999)
  • Taschenbuch: 288 Seiten

Was andere Reiseblogger über Buchenwald geschrieben haben

Jan schreibt unter http://deutschlandjaeger.de/gedenkstaette-buchenwald/ über seine Eindrücke und Christina nimmt uns unter http://triptotheplanet.de/zeitreise-durch-thueringen-wartburg-weimar-buchenwald/ mit auf eine Zeitreise durch Thüringen.

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Thomas Limberg

Ob Nordpol, Himalaya oder der Zoo um die Ecke. Immer wenn ich unterwegs sein und Neues entdecken kann, bin ich am glücklichsten. In diesem Blog nehme ich Dich seit 2010 mit auf meine Städtereisen, Roadtrips, Wander-Abenteuer und zu vielem mehr.

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