Interview mit Hans Kammerlander

Thomas Limberg 20. September 2015 0

kammerlander

Was seine schönste Erinnerung an Nepal ist und was seine ersten Gedanken nach dem Erdbeben waren, hat mir letzte Woche Hans Kammerlander im Interview verraten. Mit dem Extrembergsteiger, der u.a. mit Reinold Messner auf sieben Achttausendern stand, konnte ich mich mich über das faszinierende Land am Himalaya unterhalten. Schnell wurde dabei klar, dass wir beide eine eine große Liebe für Nepal teilen.

Obwohl ich “nur” mit Kammerlander telefonierte, konnte ich seine leuchtenden Augen, als er von seinen Erlebnissen in Nepal erzählte förmlich spüren. Voller Begeisterung und in einer unvergleichlichen Ruhe schilderte er mir ausführlich seine Eindrücke. Ich erlebte einen tierisch sympathischen Menschen, der bereitwillig plauderte und dem man seine authentische Begeisterung voll und ganz abnimmt.

Schon früher habe ich immer gerne Reportagen mit ihm und seine Bücher wie Bergsüchtig oder Seven Second Summits verschlungen. Diese sind erfrischend anders. Ganz frei von Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen, wie man sie bei vielen anderen Alpinisten findet.

Das komplette Interview ist nachfolgend zu lesen. Es ist auch in den Osnabrücker Nachrichten (HIER) erschienen.

Was verbinden Sie persönlich mit Nepal?

Die Menschen und die Kultur in Kombination mit der Landschaft und den hohen Bergen sind etwas Einzigartiges. Der Himalaya hat mich schon als bergbegeistertes Kind interessiert. Natürlich der Mount Everest und alles drumherum – ich hätte nie gedacht, dass ich da irgendwann einmal hinkomme. Allein schon das Wort Himalaya hat mich immer beeindruckt.

Was haben Sie gedacht, als Sie im Frühjahr vom schweren Erdbeben in Nepal hörten?

Das trifft dich natürlich so sehr. Nachdem du ja über Jahre hinaus dort auch gewisse Projekte gebaut hast. Ich habe gehofft, dass es nicht so schlimm ist, aber es waren einige Freunde vor Ort, mit denen ich Kontakt aufgenommen habe, die haben direkt gesagt, es hat uns ganz hart getroffen. Da war ich einfach nur traurig. Es hat mich sehr getroffen und ich wusste auch, wenn es da drüben ein Beben in diesem steilen Gelände gibt, kommt alles sofort von oben und die Hütten sind natürlich nicht erdbebensicher gebaut. Meine größte Schule ist auch kaputt gegangen. Zum Glück war an dem Tag kein Kind darin.

Sie sprechen es bereits an. Zusammen mit der Nepalhilfe Beilngries haben Sie u. a. Schulen gebaut und engagieren sich auch sonst sehr in Nepal. Wie sieht die Hilfe konkret aus?

Das gibt es jetzt seit 17 Jahren. Ich habe damals einfach Leute kennengelernt, bei denen ich gewusst habe, die passen und die übernehmen eine perfekte Kontrolle drüben. Das sind perfekte Partner. Wir haben ganz langsam und kontrolliert, immer wieder ein Projekt beendet. Wenn dann etwas fertig ist, vor allem die Kinderheime, und du siehst wie die Kleinen, die sonst nichts mehr haben, glücklich, sauber und geborgen darin leben können – sind das Momente, die sind genauso schön, wenn nicht schöner wie ein Erfolg auf einem Berg. Vor allem das Lachen der Kinder ist ganz gewaltig. Man muss bei sowas mit eigenem Aufwand und auch eigenen finanziellen Mitteln vorangehen. Dann kann man sich auch erlauben bei Vorträgen mal kurz solche Themen anzusprechen und die Leuten um Spenden bitten.

Einer der ersten, die sich bereits vor Jahren in Nepal engagierten, war der Everest-Erstbesteiger Edmund Hillary. Sie haben ihn noch persönlich getroffen. Ist er ein Vorbild für Sie?

Ja und wie! Ich habe auch das Glück gehabt, ein paar Mal den Dalai Lama zu treffen. Hillary hat für mich ein bisschen diesen Charakter wie vom Dalai Lama gehabt. Eine ganz große Ausstrahlung! Was mir an ihm gefiel, war dass er sehr sozial war und sich nie in den Mittelpunkt stellte. Auch nach der Besteigung des Everest, als er plötzlich berühmt war, sagte er immer, die Sherpa haben mir zu diesem Erfolg verholfen. Hillary hat seine Berühmtheit bis zum Tod genutzt, um dem armen Volk dort drüben wirklich beispielhaft zu helfen. Er hätte dies ja nicht tun müssen, ihm ging es ja gut mit seinem großen Namen, und trotzdem hat die Sherpas immer wieder erwähnt und ihnen geholfen und sich so bedankt. Meine Aktionen drüben sind ja auch nur ein kleines Dankeschön für diese Hilfsbereitschaft und die Gastfreundschaft über die ganzen Jahre. Ich war 29 Mal dort und ich habe einfach so viel Schönes erlebt, das dort wirklich vom Herzen kommt.

Können sie nachvollziehen, dass der Tourismus in Nepal so stark eingebrochen ist?

Die Leute haben natürlich Angst. Ich versteh das schon ein bisschen, aber ich bin der Meinung, man sollte gerade jetzt das Land aufsuchen und nicht wegschauen. Man sollte die Leute dort ein bisschen aufmuntern und nicht allein lassen.

Sie glauben, dass man dem Land am besten hilft, indem man jetzt dorthin fährt?

Ja, auf jeden Fall. Genau das sollten die Leute jetzt tun. Wenn die Menschen in Nepal merken, dass die Gäste kommen und nicht flüchten, ist das auf jeden Fall gut für das Land. Auf den Tourismus sind die Menschen dort ja eigentlich auch eingestellt. Wenn durch ein Erdbeben plötzlich die Haupteinnahmequelle wegbricht, ist das natürlich noch einmal schlimmer für die Menschen vor Ort.

Sie werden im Frühjahr wieder in Nepal sein. Mit einer Trekkingruppe wollen Sie den Manaslu umrunden. Jenen Berg, den Sie als einzigen Achttausender nicht bestiegen haben und an dem Sie einst zwei gute Freunde bei einem Besteigungsversuch verloren haben. Warum ausgerechnet dorthin?

Wir werden dort eine entspannte Runde drehen. Es geht dabei nicht um die alpinistische Leistung. Ich habe mit dem Berg zwar eine negative Erinnerung, aber es ist einfach eine sehr schöne ruhige Runde. Die Annapurna-Runde ist mir zu überlaufen. Am Manaslu ist es wirklich schön. Man hat erst unten die nepalesische Kultur, weiter oben ein paar tibetische Dörfer. Man erlebt diese beiden Kulturen dort sehr schön. Zudem ist es landschaftlich ein Traum.

Haben sie einen Geheimtipp für jemanden, der zum ersten Mal nach Nepal kommt? Muss er etwas Bestimmtes auf jeden Fall probieren?

Ganz klar das Dal Bhat, ein Reis-Linsen-Gericht. Das ist in Nepal das Hauptessen – und ein wirklich gutes, das sehr lecker schmeckt! Wenn ich dort bin, esse ich eigentlich fast nur das, was die Einheimischen essen. Was ich aber weniger empfehlen kann, ist der Buttertee. Ich habe es bis heute nicht geschafft, dass ich den halbwegs irgendwie trinke. Wer noch nie in Nepal war, sollte zudem in ein Gebiet fahren, in dem die Infrastruktur passt. Aus meiner Sicht ist vor allem das Solo-Khumbu geeignet. Die Sherpas dort sind freundlich, Hütten sind reichlich vorhanden und die Landschaft ist ein Traum.

Losgelöst von Erfolgen am Berg – was war ihr schönstes Erlebnis in Nepal?

Ich habe über viele Jahre einen älteren Träger gehabt. Einmal hatte er ganz große Zahnschmerzen. Ich habe ihm gesagt, er solle doch ins Tal gehen, er würde trotzdem sein Geld bekommen. Aber er blieb, weil er seine Aufgabe erfüllen wollte. Das hat mir imponiert. Als wir vom Gipfel zurückkamen und es leicht schneite, kam uns ein junger Träger entgegen, der fror wie ein Hund, weil er auch keine passende Kleidung hatte. Ich habe ihm einen Teil meiner Kleidung gegeben, die ich auf dem Weg nach unten ja nicht mehr brauchte. Er nahm sie unter den Arm und weg war er. Zum Abendessen sah ich ihn dann in einer Ecke sitzen. Er hatte schon die Kleider an und strahlte mich an wie ein Weltmeister. Anfangs wusste er sicher nicht, was er mit der Kleidung sollte. Vielleicht hat er gedacht, er solle sie waschen oder so. Man kennt es dort ja nicht, dass man etwas geschenkt bekommt. Sein anschließendes Strahlen ging dafür einfach ins Herz rein. Vor allem, weil ich später erfuhr, dass es der Sohn von meinem treuen Träger war. Diese Erinnerung ist mir tiefer geblieben als die Besteigung vom Makalu – dem vierthöchsten Berg der Welt.

Sind die Sherpas bzw. die Nepali im Allgemeinen besonders hilfsbereit?

Ja, das glaube ich schon. Sie sind so herzlich, sie sind arm, aber sie können mit der Armut gut umgehen. Ich empfehle den Leuten auf jeden Fall, Nepal zu besuchen und die Menschen dort kennen zu lernen. Dabei sollte aber niemand die Gastfreundschaft zu sehr ausnutzen und denken, man könne wegen dieser freundlichen Leute fast schon gratis Urlaub machen. Wer einfach mit offenen Augen durch das Land geht und beobachtet, was ihm geboten wird, der wird mit viel mehr Energie als gedacht zurückkommen.

Ein ganz anderes Thema: Ein Hollywood-Film über das Unglück im Jahre 1996 am Mount Everest kam Donnerstag ins Kino. Interessiert sie das?

Nein, gar nicht. Es stimmt mich immer wieder traurig, wenn man dieses Chaos dort sieht. Dieses Unmenschliche und Rücksichtslose. Sherpas präparieren dort die Wege. Der Normalweg zum Everest ist nicht mehr Alpinismus. Das ist reiner Tourismus geworden. Was da passiert ist, ist eigentlich komplett neben den Schuhen. Die Tragödien sind vorprogrammiert.

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