Bären beobachten in Kanada und Alaska

Schon lange hatte ich diesen Traum – einmal im Leben einen Bär in seinem natürlichen Lebensumfeld beobachten. Am einfachsten lässt sich dies wohl in Nordamerika bewerkstelligen. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal nach Kanada geflogen bin, war ich deshalb nervös wie selten zuvor. Ob ich wohl eines der zotteligen Tiere sehen würde, fragte ich mich selbst.

Meine Reise führte mich damals von Whitehorse im Yukon über die Grenze nach Alaska und hoch bis in die Arktis nach Tuktoyaktuk. Es war Spätsommer, die Tundra leuchtete in den intensivsten Farben, die man sich vorstellen kann und in den Flüssen zogen die Lachse zu ihren Laichplätzen. Damit ich eine mögliche Bärensichtung auch auf einem Foto festhalten konnte, hatte ich meine Kamera immer schussbereit auf dem Rücksitz des Mietwagens liegen.

Über hunderte Kilometer sind wir durch die endlosen Weiten des Nordens gefahren und sind dabei oft über Stunden keinen anderen Autos begegnet. Ich wünschte mir so sehr einen Bär zu sehen, dass ich während der Fahrt unentwegt den Horizont nach Bewegung absuchte. Wenn wir abends unser Etappenziel erreicht hatten und im Hotel angekommen waren, schnappte ich mir immer wieder das Auto, um noch eine Extrarunde zu drehen. Ich wollte so sehr einen Bär sehen, dass ich nichts unversucht lassen wollte.

Der Dempster Highway im Yukon. Hinter der Rechtskurve am Horizont sollte ich auf meine ersten Bären stoßen
Der Dempster Highway im Yukon. Hinter der Rechtskurve am Horizont sollte ich auf meine ersten Bären stoßen

Einen Kojoten, ein Stachelschwein, Rentiere – ja sogar Elche habe ich gesehen. Die Begegnung mit diesen Tieren der nordamerikanischen Wildnis begeisterte mich. Dennoch fehlte mir einfach der Bär zu meinem Glück. Ich kann gar nicht sagen, wie viele Naturdokus über Bären ich im Fernsehen bereits angeschaut habe. Wahrscheinlich gibt es keine, die ich nicht kenne. Doch „mein eigener Bär“ schien mir irgendwie nicht vergönnt zu sein.

Doch dann war er da, dieser eine Moment, der noch heute für Gänsehaut bei mir sorgt. Es war auf dem Dempster Highway vor der Kulisse der kargen Richardson Mountains. In der Ferne erkannt ich drei dunkle Punkte, die sich langsam am Hang eines Berges parallel zu mir bewegten. Die Punkte waren Grizzlys. Eine Bärin mit ihren beiden Jungtieren. Sofort sprang ich aus dem Auto und schaute wie gebannt auf diese Szene.

Ein unscharfes Foto, aber für mich ein ganz besonderes. Es ist das allererste, was ich von einem Bären schießen konnte.
Ein unscharfes Foto, aber für mich ein ganz besonderes. Es ist das allererste, was ich von einem Bären schießen konnte.

Es war ein Moment, den ich in dieser Form so intensiv bisher kein zweites Mal erlebt habe. Für einige Minuten habe ich alles um mich herum vergessen. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl überkam mich. Einfach nur in der Wildnis zu sein. Tatsächlich Bären zu sehen. keinen Zaun dazwischen zu haben, die gleiche Luft zu atmen wie die Tiere, das gleiche zu sehen wie die Tiere – ich hätte vor Glück anfangen können zu weinen.

Stundenlang hätte ich die Grizzlyfamilie mit den beiden Jungtieren beobachten können
Stundenlang hätte ich die Grizzlyfamilie beobachten können

Woran ich mich bei dieser ersten Begegnung mit Bären am liebsten erinnere, ist die unvorstellbare Ruhe. Mitten in der Tundra war einfach kein Geräusch zu hören. Kein Verkehrslärm, kein Vogelgezwitscher, noch nicht einmal der Wind war zu hören. Man konnte einfach nur zuschauen, wie diese majestätischen Tiere durch die gewaltige Landschaft schritten. Diese Szene hatte so etwas ungeheuer Friedliches, dass es fast schon surreal erschien.

Als die Bären irgendwann hinter einer Kuppe verschwanden, stieg ich völlig begeistert wieder ins Auto. Kurze Zeit später kam es sogar noch besser. Wenige Kilometer vor Dawson City hatte ich eine weitere ganz besondere Begegnung. Mitten auf der Straße stand ein junger Grizzly. Er schaute mich direkt an und ich musste bremsen, um ihn nicht zu überfahren. Reflexartig griff ich gleichzeitig zu meiner Kamera, schoss ein Foto und genoss den Augenblick. Für drei, vielleicht vier Sekunden schauten wir uns an. Als er langsam in den Wald trottete, konnte ich einfach nicht anders, als vorsichtig hinterher zu gehen. Ich hörte ihn noch eine Weile im Gebüsch rascheln, bekam ihn aber nicht mehr zu sehen.

Kurz vor der Goldgräberstadt Dawson City stieß ich auf dem Dempster Highway auf diesen niedlichen Grizzly
Kurz vor der Goldgräberstadt Dawson City stieß ich auf dem Dempster Highway auf diesen niedlichen Grizzly

Als wir zwei Tage später die Grenze zu Alaska passierten, sah ich sogar noch einen Schwarzbären. Leider lag dieser tot am Straßenrand. Er war völlig unversehrt und sah aus, als würde er schlafen. Mein Herz pochte gewaltig, als ich aus dem Auto ausstieg, um ihn aus der Nähe zu betrachten. Ich hatte etwas Angst, dass er wohlmöglich doch nur schlafen könnte. Doch die traurige Befürchtung bestätigte sich. Leider war das majestätische Tier wirklich tot.

Leider war dieser Schwarzbär am Straßenrand tot
Leider war dieser Schwarzbär am Straßenrand tot

Einen lebenden Schwarzbären sah ich im kommenden Sommer im Wood-Buffalo-Nationalpark im Grenzbereich der Provinz Alberta und der Nordwest-Territorien. Nur wenige Minuten nachdem eine gewaltige Bisonherde am Straßenrand auftauchte, streifte der Bär vielleicht 20 Meter vom Auto entfernt durch das Unterholz. Ich sah ihn zwar nur wenige Sekunden, aber erneut kannte meine Freude keine Grenzen. Es ist unvorstellbar welche Glücksgefühle solche Begegnungen auslösen können.

Im Wood-Buffalo-Nationalpark konnte ich diesen Schwarzbär fotografieren
Im Wood-Buffalo-Nationalpark konnte ich diesen Schwarzbär fotografieren

Und dann war da noch dieser eine Moment, der mich völlig sprachlos machte. Schon als kleines Kind war es immer ein großer Traum von mir, einmal in der Arktis Eisbären zu sehen. An einem frühen Novembermorgen sollte sich diese Lebenstraum erfüllen. Wir fuhren mit einem dieser typischen nordamerikanischen Schulbusse in der Nähe von Churchill Manitoba an der Hudson Bay durch die verschneite Landschaft, als der König der Arktis auftauchte. Über einen zugefrorenen See kam er direkt auf uns zu. Ganz nah kam er heran. Ich konnte durch das geöffnete Fenster seinen Atem hören. Von einer solchen Begegnung hatte ich immer geträumt.

Als dieser Eisbär in Churchill an der Hudson Bay an einem frühen Novembermorgen an mir vorbeilief, erfüllte sich ein Lebenstraum.
Als dieser Eisbär an einem frühen Novembermorgen an mir vorbeilief, erfüllte sich ein Lebenstraum.

In den kommenden Tagen folgten viele weitere großartige Begegnungen mit Eisbären. Da war jener, der auf einer Eisscholle in der Sonne badete oder das Muttertier, das mit seinem zuckersüßen Jungen am Ufer der Hudson Bay entlangspazierte. Da war der neugierige jugendliche Bär, der unseren Bus mehrmals umrundete und dann leicht grunzend in der weißen Weite verschwand. All diese Begegnungen erlebte ich wahnsinnig intensiv. Ich konnte gar nicht genug davon bekommen. Ich wusste, dass dies hier und jetzt der Moment war, von dem ich immer geträumt hatte. Vielleicht die einzige Chance in meinem Leben, diese Tiere dort zu sehen, wo sie hingehören.

Viele Bären der Eisbären an der Hudson Bay in Churchill kamen so nah, dass ich ihren Atem hören konnte
Viele Bären kamen so nah, dass ich ihren Atem hören konnte.

All diese Begegnungen mit den Bären in Nordamerika haben mich geprägt. Sie haben vielleicht sogar meine Art zu Reisen verändert. Mehr als vorher ist es seitdem für mich das Größte, wenn ich irgendwo unterwegs auf Wildlife stoße. Sei es ein Nashorn im Dschungel Nepals, ein Moschusochse in Norwegen oder auch nur eine kleine Echse am Mittelmeer. Für einen Moment vergesse ich dann alles um mich herum, konzentriere mich nur auf das Tier und mich und bin wahnsinnig glücklich. Später dann denke ich immer wieder daran, wie es damals war, als ich erstmals Bären begegnet bin.

Einen Eisbär in seinem natürlichen Lebensumfeld in der Arktis in Churchill Manitoba beobachten zu können, löst ungeheuere Glücksgefühle aus.
Einen Eisbär in seinem natürlichen Lebensumfeld beobachten zu können, löst ungeheuere Glücksgefühle aus.

Diese Faszination wird mich nie wieder loslassen. Ich habe mir einen großen Lebenstraum erfüllen können und zugleich neue Träume entwickelt. Die Bären Europas gehören dazu. Unbedingt will ich Eisbären auf Spitzbergen sehen oder in den finnischen Wäldern auf einen Braunbär stoßen. Diese Träume treiben mich an und verleihen mir Kraft.

Schon als Kind war ich fasziniert von den endlosen Weiten im hohen Norden. In der Tundra einen Eisbär beobachten, ist ein Traum
Schon als Kind war ich fasziniert von den endlosen Weiten im hohen Norden. Dort einen Eisbär beobachten zu können, ist unbeschreiblich.

Mich interessiert sehr, wie es bei euch ist. Welche Tierbegegnungen hattet ihr auf euren Reisen und was haben sie euch bedeutet? Konntet ihr auch schon Bären beobachten? Über einen Kommentar am Ende der Seite würde ich mich sehr freuen.

Thomas Limberg

Ob Nordpol, Himalaya oder der Zoo um die Ecke. Immer wenn ich unterwegs sein und Neues entdecken kann, bin ich am glücklichsten. In diesem Blog nehme ich Dich seit 2010 mit auf meine Städtereisen, Roadtrips, Wander-Abenteuer und zu vielem mehr.

8 Kommentare

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  • Ich kann das so nachvollziehen, was du schreibst! Ein wirklich schöner Artikel. Für mich sind die Begegnungen mit Tieren auch immer etwas ganz besonderes. Ich würde so gerne einmal Orcas in freier Wildbahn sehen. Und Eisbären sind natürlich auch ein ganz großer Traum!
    Hab einen schönen Sonntag!
    Anuschka

    • Hallo Anuschka,
      vielen lieben Dank!
      Wale stehen bei mir auch ganz oben auf dem Wunschzettel. Ihr hattet ja auf Grönland das Glück welche zu sehen, oder? Ich habe deine Artikel von dort bisher nur überflogen. Die muss ich mir demnächst unbedingt mal in Ruhe anschauen.
      Liebe Grüße
      Thomas

  • Hallo Thomas,

    ich kann das schon nachvollziehen. Bären sind ja ganz besondere Tiere, die es bei uns nicht gibt und deren Sichtung deshalb natürlich etwas Außergewöhnliches ist. Mir ging es ähnlich mit den Faultieren in Costa Rica. Ich wollte unbedingt…nein, musste unbedingt ein Faultier sehen. Die ersten beiden saßen im Baum und schliefen. Keine Regung, einfach nur ein Knäuel Fell. Da war ich schon selig. Der Knaller kam aber in Tortuguero. Es regnete in Strömen und wir suchten im Wald unter einem Dach Schutz, als plötzlich ein Faultier in voller Aktion von Baum zu Baum kletterte, direkt vor unserer Nase. Ich hab mich gefreut, wie ein kleines Kind 🙂

  • Genau was Du schreibst, Thomas !
    Tiere draussen in ihrem Umfeld zu sehen ist das größte für mich. Bisher hatte ich mit Walen richtig Glück. In Neuseeland habe ich Pottwale gesehen, in British Columbia und in Boston Buckelwale und in Washington Orcas. Das waren so unglaubliche Momente, kann man kaum in Worte fassen. Ebenfalls in Kanada habe ich eine Schwarzbärmutter mit Cubs gesehen. Das war meine einzige Bärensichtung bisher, aber ich würde mich glücklich schätzen, soviele wie Du zu sehen. Vielleicht nächstes Jahr in den Rockies.

    Der Grizzly mitten auf der Straße vor Dawson City ist ja schon der Hammer. Aber nie würde ich aussteigen und hinterher gehen. Also ja, würde ich schon gerne, aber so passieren halt auch immer wieder Unglücke. Stell Dir mal vor, der hätte sich von dir bedroht gefühlt….
    Der tote Schwarzbär sieht echt riesig aus, oder täuscht das ? Wahnsinn! Eisbären werde ich vermutlich niemals live sehen, weil mich nichts so wirklich ganz rauf in den äussersten Norden zieht. Aber ich erfreue mich immer an Bildern von anderen, und vor allem, was sie damit verbinden. Du kannst Dich glücklich schätzen, dass Du diese Erfahrungen machen konntest.

    • Deine Freude über die Wale kann ich gut nachvollziehen. Das wäre mir sicher auch so gegangen. Ich drücke ganz fest die Daumen, dass du in den Rockies auch weitere Bären siehst. .
      Der tote Schwarzbär, den ich gesehen habe, kam mir auch sehr groß vor. Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich mich so nah dran war, dass ich ihn berühren konnte. Da kommt einem wahrscheinlich gleich alles noch größer vor.
      Übrigens, was das Nachlaufen des Grizzlys angeht, bin ich natürlich nicht hinter ihm hergestürmt sondern vorsichtig in gewissem Abstand hinterher gegangen. Trotzdem hast du natürlich Recht, die klügste Idee war das sicher damals nicht.

  • Lieber Thomas,
    toller Bericht, der mich an meine eigenen Reisen nach Kanada erinnert hat. Wenn man Bären immer nur aus Zoos kennt, ist es schon etwas Besonderes, die Tiere in freier Wildbahn zu erleben. Bei Churchill wusste ich aber nie, ob ich glücklich oder unglücklich sein sollte. Wenn man nämlich sieht, wie die Lebensgrundlagen der Eisbären verschwindet, ist das schon traurig.

    https://bruder-auf-achse.de/eisbaeren-churchill/

    • Hallo Roswitha,
      ganz lieben Dank! Es freut mich sehr, dass Dich der Artikel an deine eigenen Kanada-Reisen erinnert hat.
      Wie Dir mir Churchill, geht es mir mit den Zoos. Mich zieht es dort immer sofort zu den Bären. Einerseits freue ich mich dann welche zu sehen, andererseits vergleiche ich die Szenerie dort innerlich mit jener, die ich aus Nordamerika kenne. Der Kontrast zwischen den engen Gehegen und den endlosen Weiten in Nordamerika ist einfach zu groß – sonderlich glücklich bin ich dann irgendwie auch nicht mehr.
      Viele Grüße
      Thomas