Meine wohl denkwürdigste Reise

Während langsam die Zeit der Jahresrückblicke beginnt, stelle auch ich mir die Frage, was denn meine persönlichen Highlights 2014 waren. Ohne Zweifel gehört eine Reise dazu, die unvergesslicher kaum hätte sein können, und bei der ich das Glück hatte, ein bisschen dafür sorgen zu können, dass ich als Hobby-Historiker dazu beitragen konnte, ein Stück Geschichte in ein neues Licht zu rücken.

Die Rede ist von meinem Besuch im Vernichtungslager Auschwitz, über den ich HIER bereits ausführlich berichtet habe. Schon lange wollte ich diesen geschichtsträchtigen Ort einmal mit eigenen Augen sehen – nicht jedoch, ohne von dort eine Geschichte mitzubringen. Das unvorstellbare Leid, was dort hundert tausenden von Menschen einst geschah, ließ mir eigentlich keine andere Wahl. Irgendwie hatte ich das Gefühl, wenn ich dazu beitragen kann, anschließend die Geschichte von einem der Auschwitz-Opfer erzählen zu können, würde das dort erlittene Leid zwar nicht weniger, jedoch würde ich damit vielleicht einen Teil dazu beitragen können, dass man ansatzweise verstehen kann, welche Abscheulichkeiten dort damals vor sich gingen.

Der Besuch in Auschwitz war tief beeindruckend.
Der Besuch in Auschwitz war tief beeindruckend.

Doch nur über wen sollte ich eine Geschichte erzählen? Als Osnabrücker, der einst nur wenige Meter von jenem Haus entfernt wohnte, in dem der bekannte jüdische Maler Felix Nussbaum seine Kindheit verbrachte, war mir schnell klar: ich muss die Geschichte Felix Nussbaums erzählen. Allerdings war mir auch klar, dass ich nicht einfach das wiedergeben wollte, was bereits über ihn bekannt war. Wochen bevor ich nach Auschwitz flog, begann ich deshalb zu recherchieren. In seiner Biografie gab es durchaus offene Fragen. Man wusste nur, dass er im August 1944 nach Auschwitz kam. Die Geschichtsbücher gingen davon aus, dass er dort dann direkt ins Gas geschickt wurde. Das konnte zwar gut sein, jedoch war mir eine solche pauschale Behauptung zu simpel. Meine Neugier war geweckt. Zum einen wollte ich unbedingt genau wissen, was dort nach seiner Ankunft mit ihm geschah, zum anderen – so finde ich – gebietet es allein der Respekt vor den Opfern, genauer nachzufragen.

In diesem Haus, in Osnabrück, lebte Felix Nussbaum einst
In diesem Haus, in Osnabrück, lebte Felix Nussbaum einst

Ich hatte das Glück und stieß im Zuge meiner Recherchen auf ein Dokument, das bisher in Russland unter Verschluss lag. Mit diesem Dokument konnte ich beweisen, dass Nussbaum nicht direkt vergast wurde und länger lebte, als bisher angenommen. In diesem Wissen trat ich die Reise nach Auschwitz an und konnte vor Ort einen Teil seines letzten Weges nachvollziehen. Zum einen freute ich mich sehr darüber, nach fas 70 Jahren der erste zu sein, der dies jetzt konnte, zum anderen empfand ich es auch fast schon etwas gruselig. So stand ich in Auschwitz z.B. vor der Krankenbaracke in der – wie ich herausgefunden hatte – Nussbaum einst gewesen sein muss.

Ich konnte beweisen, dass Felix Nussbaum einst hier war
Ich konnte beweisen, dass Felix Nussbaum einst hier war

Die Ergebnisse meine Recherchen und die Eindrücke aus Auschwitz verarbeitete ich anschließend in einem Artikel für die Neue Osnabrücker Zeitung. Der Artikel sorgte und sorgt bis heute für Aufmerksamkeit, über die ich mich natürlich sehr freue und die ich so nicht erwartet hätte. Dass ich das Leben Nussbaums damit etwas bekannter machen konnte freut mich ungemein und bleibt weiterhin der Antrieb, um sein weiteres Schicksal zu erforschen.

Als erstes waren Reaktionen in den Social Media Kanälen wie Twitter und Facebook zu finden. Der Wikipedia-Eintrag zu Felix Nussbaum wurde noch am gleichen Tag umgeschrieben. Hier einige prominente Beispiele das Nachrichtendienstes Twitter dazu:

 

 

 

 

 

 

 

 

Ebenso wurde der Artikel bei Facebook öfters verlinkt. Auch hier einige Beispiele:

Fast ebenso schnell, wie das Social Web reagierten einige Presseagenturen auf den Artikel. Der epd meldete zum Beispiel:

Der jüdische Maler Felix Nussbaum (1904-1944) hat im nationalsozialistischen Vernichtungslager Auschwitz offenbar noch einige Wochen länger gelebt als bisher angenommen. Eine jetzt gefundene Krankenakte belege, dass der in Osnabrück geborene Künstler noch am 20. September 1944 wegen einer Blase am Zeigefinger behandelt wurde, berichtet die „Neue Osnabrücker Zeitung“ in einem vorab veröffentlichten Bericht ihrer Sonnabendausgabe. Bisher war vermutet worden, dass er am 2. oder 9. August 1944 kurz nach seiner Ankunft in Auschwitz in einer Gaskammer umgebracht wurde.
Die Zeitung beruft sich auf die Kopie einer Akte aus dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau. Das Original soll sich im russischen Staatsarchiv in Moskau befinden.
Nussbaum hatte in den 30er Jahre große Ausstellungserfolge in Berlin. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung lebte er mit seiner Frau Felka Platek im Exil in Italien, Frankreich und ab 1937 in Belgien. Im Juni 1944 wurden beide von der Wehrmacht verhaftet und ins Sammellager Mechelen bei Brüssel verschleppt. Von dort ging es am 31. Juli 1944 nach Auschwitz, wo der Transport am 2. August ankam.

Die Katholische Nachrichtenagentur schrieb:

Rund 70 Jahre nach der Ermordung des jüdischen Malers Felix Nussbaum im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau gibt es neue Erkenntnisse zu seinem Todeszeitpunkt. Bisher war man davon ausgegangen, dass der 1904 in Osnabrück geborene Künstler direkt nach seinem Eintreffen am 2. August 1944 in Auschwitz gemeinsam mit seiner Ehefrau Felka Platek ermordet wurde. Laut aktuellen Recherchen des Osnabrücker Redakteurs Thomas Limberg im Archiv in Auschwitz datiert Nussbaums Tod jedoch auf den Zeitraum zwischen dem 20. September 1944 und dem 27. Januar 1945, wie die Stadt Osnabrück am Donnerstag mitteilte.
Der Geschichts- und Politikwissenschaftler Limberg fand heraus, dass Nussbaum im Vernichtungslager die Nummer B-3594 erhalten hatte. Demnach überlebte der Künstler nicht nur die Selektionsrampe, sondern auch mindestens den 20. September 1944. Denn an diesem Tag wurde er in die Kranken-Baracke des Stammlagers Auschwitz eingeliefert, so Limbergs Recherchen. Diese basieren auf der Kopie einer Seite eines Aufnahmebuchs, das alle Patienten in der Kranken-Baracke aufführt. Möglicherweise gelinge es über weitere Forschungen, nähere Details über Nussbaums Leben in Auschwitz und das Datum seiner Ermordung zu ermitteln.
Gemeinsam mit Erich Maria Remarque und Hans Calmeyer gehört Felix Nussbaum zu den bedeutendsten Osnabrücker Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts und ist als Künstler der sogenannten „Verschollenen Generation“ mittlerweile weltweit angesehen. In der Stadt Osnabrück, die dem Künstler und seinem Werk mit dem von Architekt Daniel Libeskind gebauten Felix-Nussbaum-Haus ein eigenes Ausstellungshaus widmet, haben die neuen Erkenntnisse zu seinem Todeszeitpunkt Betroffenheit ausgelöst, hieß es. Auch stelle sich die Frage, wie lange Nussbaum im KZ überleben konnte, ob er Möglichkeiten fand, sich trotz der Lagerhaft künstlerisch zu betätigen, und ob vielleicht noch Zeichnungen aus dieser Zeit existieren. Die Direktorin des Felix-Nussbaum-Hauses, Inge Jaehner, werde gemeinsam mit der Felix-Nussbaum-Gesellschaft und der Nussbaum Foundation eine Bewertung der nun vorliegenden Erkenntnisse vornehmen.

Über die Agenturen verbreitete sich die Neuigkeit bundesweit in viele Zeitungen. Als Beispiel sei z.B. die Berliner Morgenpost genannt:

Ebenso reagierten die Stadt Osnabrück sowie das Felix Nussbaum Haus. Beide informierten auf ihren jeweiligen Homepages über die neuen Erkenntnisse. Die Stadt brachte zudem eine Pressemitteilung auf den Weg.

Wenn ich momentan bei Google gezielt zu diesem Thema suche, stoße ich auf unzählige weitere Seiten, die dieses Thema aufgreifen. Im Zuge der Recherchen, sowie nach der Veröffentlichung hatte ich Kontakt zu einer Vielzahl an Menschen, die mir bei dieser Geschichte geholfen haben, die interessiert nachgefragt haben und die mich auf neue Spuren brachten. So habe ich momentan die Hoffnung, Nussbaums Geschichte demnächst noch ein Stückchen weiter erzählen zu können. Wer glaubt, dabei in irgendeiner Form helfen zu können, möge sich bitte bei mir melden. Ich freue mich wahnsinnig auf weitere Gespräche und neue Erkenntnisse.

PS: Wer sich für Felix Nussbaum – sein Leben und seine Kunst interessiert, dem kann ich die „Biografie – Ortswechsel, Fluchtpunkte*, die u.a. HIER* zu haben ist, sehr empfehlen.

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